Persönliche Gesundheit

Schwerkrank und allein gelassen: Therapeuten-Mangel gefährdet Menschenleben

In Deutschland warten Patienten im Durchschnitt 20 Wochen auf den beginn einer Psychotherapie. Das ginge schneller, wenn nach Schweregrad verteilt würde – meint Gesundheitsminister Spahn. Oder wenn mehr Psychotherapeuten eine Zulassung bekämen – sagt ihre Berufsvertretung.

Eigentlich ist es gar keine schlechte Nachricht, dass es immer mehr Diagnosen einer psychischen Erkrankung gibt. Zeigt es doch, dass das Stigma „psychisch krank“ schwächer wird und die Deutschen heute bereit sind, auch mit seelischen Problemen zum Arzt zu gehen. Das Problem ist, dass viele Hilfesuchende keinen Termin für eine Therapie bekommen – zumindest nicht schnell.

In der ambulanten Psychotherapie beträgt die Wartezeit auf eine Behandlung durchschnittlich fünf Monate. In Großstädten mit vielen Therapiepraxen warten psychisch kranke Menschen allerdings deutlich kürzer als anderswo. In Berlin sind es etwa 13,4 Wochen, im Saarland dagegen 23,6 Wochen.

Die lange Wartezeit auf einen Therapieplatz bedeutet für psychisch angeschlagene Menschen ein zusätzliches Risiko: In den Wochen und Monaten kann sich eine Erkrankung deutlich verschlimmern, eine Depression sogar lebensbedrohlich werden.

Es gäbe genug Therapeuten – aber es fehlt die Kassenzulassung

Das Problem liegt aber nicht darin, dass es zu wenige Psychotherapeuten gäbe. Es haben nur bei weitem nicht alle eine Kassenzulassung. Darüber entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen. Dessen „Bedarfsplanung“ für Psychotherapeuten stammt aus dem Jahr 1999, was dem heutigen Bedarf keineswegs entspricht. Ohne Kassenzulassung kann ein Therapeut nur Privatpatienten und Selbstzahler behandeln – für viele ist das unerschwinglich.

Matthias Bachmann ist Psychotherapeut in einer Gegend mit besonders dünner Versorgung und er bekommt den Mangel Tag für Tag mit. In seiner Praxis in Eberswalde, einer 40.000-Einwohnerstadt im Nordosten Brandenburgs, sind „jeden Morgen bis zu zehn Anrufe von Hilfesuchenden auf dem Anrufbeantworter. Ich mag manchmal das Band gar nicht mehr abhören, weil ich für die meisten nichts tun kann.“ Die Therapieplätze sind auf Monate belegt. Aber wenn jemand besonders krank ist, versucht er Therapeut ihn einzuschieben. „Für eine Mittagspause ist jedenfalls keine Zeit.“

Gesundheitsminister Spahn hat im Rahmen des neuen Terminservice und Versorgungsgesetzes (TSVG) auch die Verkürzung von Wartezeiten auf eine Psychotherapie im Blick. Er will daher Patienten, die eine Psychotherapie anstreben, erst von einem Experten begutachten lassen, der die Dringlichkeit der Behandlung einschätzt. Wer begutachten soll und wie der Ablauf der „gestuften und gesteuerten“ Therapiezuweisung wäre, ist bisher unklar.

Spahns Gesetzentwurf baut Hürden für Menschen in psychischer Not auf

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) warnt dagegen vor der neuen zusätzlichen Hürde für Patienten. Und sie ist nicht allein in ihrer Ablehnung. Eine Petition gegen diesen Teil des Gesetzes hat bereits 190.000 Unterschriften gesammelt. „Wir lehnen diesen Entwurf strikt ab. Es kann nicht sein, dass Betroffene von psychischen Erkrankungen einen Hindernislauf bewältigen müssen, um eine Therapie zu erhalten“, sagt etwa Waltraud Rinke, Vorsitzende der Deutschen Depressionsliga.

Gesundheitsminister Spahn hat sich inzwischen kompromissbereit gezeigt. „Ich schließe nicht aus, dass wir andere Regelungen finden“, sagte er jüngst im ARD-Morgenmagazin. Im Januar solle eine Lösung gefunden werden.

Jede Praxis muss eine Sprechstunde für Kurzberatung anbieten

Psychotherapeuten sehen die „Erstbeurteilung“ eines psychischen Problems ohnehin bereits gegeben: die im April 2017 installierte „psychotherapeutische Sprechstunde“. Der Patient soll dafür kurzfristig einen Termin und dann bei maximal drei 50-Minuten-Sitzungen eine Diagnose und, wenn nötig, die Empfehlung für eine weitere Therapie bekommen.

Das Problem: Wenn eine Psychotherapie ratsam ist, aber keine akute Gefährdung besteht und der Therapeut keine Kapazitäten hat, beginnt oft eine monatelange Wartezeit auf einen Behandlungsplatz. Jedem dritten Patienten einer solchen Sprechstunde geht es so, wie eine Auswertung von 240.000 Krankenkassendaten zeigte.

Matthias Bachmann aus Eberswalde vergibt zu den verpflichtenden Sprechstunden noch weitere, wenn einer seiner Patienten ausfällt. „Die Leute sind unheimlich froh und dankbar, wenn sie überhaupt einmal einen Beratungstermin und einen Ratschlag bekommen. Aber mindestens die Hälfte muss ich wegschicken.“

Patienten wissen was ihnen fehlt – auf die Therapie müssen sie warten

„Die psychotherapeutische Sprechstunde hat zwar dazu geführt, dass Patienten jetzt schneller erfahren, ob sie eine Behandlung benötigen“, sagt BPtK-Präsident Munz. „Aber psychisch kranke Menschen dürfen nicht länger monatelang darauf warten müssen, behandelt zu werden.“

Der eigene Vorschlag für einen schnelleren Therapiezugang lautet: Als Sofortprogramm müssten 1500 Psychotherapeuten neu zugelassen werden, und zwar vor allem außerhalb von Großstädten. „Diese ausgebildeten Therapeuten gibt es in Deutschland ja“, sagt BPtK-Präsident Dietrich Munz. „Sie haben nur keinen Kassensitz. Das heißt, ihre Praxis kann nicht mit der Kassenärztliche Vereinigung abrechnen.“

1500 neue Psychotherapeuten könnten sofort loslegen

Die sofortige Aufstockung um die dringend nötigen 1500 Psychotherapeuten würde sich laut BPtK sogar rechnen: „In 2017 zahlten die Kassen drei Milliarden Euro Krankengeld aufgrund psychischer Krankschreibungen. Die Kosten für die zusätzlichen Psychotherapeuten würden sich dagegen nur auf 150 Millionen Euro belaufen.“

Auch bei besserer Versorgung gäbe es natürlich weiterhin psychische Erkrankungen. „Man könnte aber die Verschlimmerung eines Problems verhindern, die häufig während der langen Wartezeiten auf eine Therapie auftritt.“ Und damit auch Krankheitstage reduzieren. Denn: Wer psychisch krank ist, fehlt auch besonders lang: 34,7 Tage im Schnitt laut einem DAK-Report für 2017.

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