Persönliche Gesundheit

Nie mehr ohne Hund: So schützt ein Haustier Körper und Psyche

Wer wissen will, welchen Platz Katzen im Leben von Menschen einnehmen können, besucht die Tiere am besten in ihrem Palast. Das Café „Katzentempel“ liegt am Rande des Hamburger Schanzenviertels. Draußen vor den großen Fenstern rauscht der Verkehr vorbei, drinnen rollt sich Keshia in ihrem Körbchen zusammen und schließt die Augen. „Guck mal, wie süß“, ruft eine junge Frau ihrem Freund zu. „Wenn ich nur mal so entspannt chillen könnte wie eine Katze.“ Das Leben im Tempel scheint in der Tat paradiesisch zu sein. Das Café ist ein Mittelding aus einem Bistro für Menschen und einem Spielplatz für Katzen. Fünf Tiere gehören zum Inventar des Cafés. Für sie hängt an einer Wand eine Katzentreppe, an der Decke baumeln Bretter zum Balancieren, und in der Mitte des Raumes steht ein großer Turm zum Turnen. Es ist also gut möglich, dass einem beim Essen plötzlich Mellow, Liffey oder Keshia Gesellschaft leisten. Man muss das mögen. Aber die meisten, die in den Tempel kommen, mögen Katzen mindestens genauso wie das vegane Essen. „Wir haben Zulauf von allen Altersgruppen“, sagt Rilana Rentsch, die das Katzencafé vor drei Jahren eröffnet hat. Kürzlich hätten ein Rentner und ein Achtjähriger am selben Tag Geburtstag im „Katzentempel“ gefeiert.

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In viele Großstädten gibt es inzwischen solche Katzencafés. Und auch der Hamburger Tempel ist an diesem Tag gut besucht. Touristen aus Thüringen bestellen das Tagesgericht: veganes Blumenkohl-Curry; ein Hamburger Pärchen plant seine Hochzeit, und zwei Studentinnen starren geschäftig auf ihre Laptops. Nur die Katzen machen sich rar. „Man darf von den Tieren nicht erwarten, dass sie die Gäste belustigen“, sagt Rentsch. „Das ist hier ihr Lebensraum. Da können sie machen, was sie wollen. Die Cafébesucher sind nur Gäste.“

„Die Präsenz von Tieren beruhigt“

Glaubt man Experten, genügt es für den Wohlfühleffekt aber schon, dass die Tiere einfach nur im Raum sind. „Die Präsenz von Tieren beruhigt und gibt einem das Gefühl, dass die Umgebung ­­sicher ist“, sagt die Psychologin Andrea Beetz, die an der privaten Fachhochschule IUBH in Erfurt lehrt und seit 20 Jahren über Mensch-Tier-Beziehungen forscht. „Außerdem verbessert sich durch die Tiere die verbale und nonverbale Kommunikation der Anwesenden.“ Was nicht heißt, dass eine Katze im Haus die Ehe retten kann. Aber womöglich verlaufen Streitgespräche etwas weniger aggressiv, wenn einem dabei ein Felltiger um die Beine streicht.

Noch stärker ist der Wellness-Effekt freilich, wenn man die Tiere berühren darf. „Dann sinken Blutdruck und Herzfrequenz, die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol wird gedrosselt und die Produktion von Oxytocin hochgefahren“, sagt Beetz. Wer ein Tier streichelt – egal ob Hund, Katze, Maus oder Meerschweinchen –, entspannt sich. Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb so viele Menschen hierzulande ihr Haus und ihr Herz für Tiere öffnen: Mehr als 34 Millionen Haustiere leben in Deutschland, knapp 15 Millionen davon sind Katzen, 9,4 Millionen Hunde. Und das, obwohl die Viecher haaren, sabbern, gelegentlich streng riechen – und die Haltung nicht gerade günstig ist. Rund 1000 Euro gibt etwa ein Hundebesitzer pro Jahr für sein Tier aus. Darin enthalten sind Steuern, Futter und Tierarztbesuche. Wer mit dem Tier regelmäßig zum Friseur oder zur Fellpflege rennt, ihm teure Klamotten und immer neues Spielzeug kauft, investiert deutlich mehr. Jedes Jahr werden so in Deutschland durch Haustier­haltung 10, 7 Milliarden Euro umgesetzt.

Die Diagnose

Er ist selbst Arzt und wusste, dass er sterben würde – dann trifft er den jungen Kollegen

Doch was spielt Geld für eine Rolle, wenn der Golden Retriever einen Ball anschleppt und spielen will? Wer denkt schon an die zerkratzten ­Tapeten, wenn nach einem langen Arbeitstag der Kater kommt und schmusen will? Dann haben Haustiere ihre Mission erfüllt. „Sie geben uns Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden“, sagt Andrea Beetz. Es stimmt ja: Wer allein lebt, für den klingt das hungrige Gezwitscher eines Wellen­sittichs wie Musik in den Ohren. Haustiere ­ können Einsamkeit vertreiben, Kinder zur Ver­antwortung erziehen und Erwachsene zur Pünktlichkeit. Sie brauchen Zuwendung und schenken dafür bedingungslose Liebe. Und werden oft zum besten Freund.

Charmeoffensive mit Molly

„Wir genießen es alle, mit Molly zu spielen“, sagt Kristina Buchholz, 46. „Und für meine neunjährige Tochter ist der Hund auch ein Seelentröster.“ Sie und ihr Mann Johannes haben lange gezögert, einen Hund in der Familie aufzunehmen. Mitten in der Stadt, mitten in der Rushhour des Lebens. Doch dann fanden sie Molly, einen flauschigen Zwergpudel. „Jeder mag sie auf Anhieb“, sagt Buchholz. Sie wird plötzlich von wildfremden Menschen auf der Straße auf den Hund angesprochen. Auch im Büro ist Molly Thema, die Architektin nimmt den Zwergpudel zur Arbeit mit. Molly sitzt dann bei ihr in einem Körbchen im Büro. „Die Kollegen waren sofort einverstanden.“ Mollys Charme ist tatsächlich umwerfend. Wenn die Hündin den Kopf schief legt, möchte man ihr auf der Stelle einen Hundekuchen backen. „Aber sie macht natürlich auch Arbeit“, sagt Kristina Buchholz. Und sie braucht Bewegung: Mehrmals am Tag geht Buchholz mit dem Hund spazieren. Die ganze Familie verbringt jetzt viel mehr Zeit draußen in der Natur. „Wir rennen mit dem Hund über die Wiesen und durch den Wald.“ Und mit jedem Schritt tun sie etwas für ihre Gesundheit.

Dass Bewegung den Körper fit hält, ist unumstritten. Wissenschaftlern zufolge sollten wir jede Woche mindestens 150 Minuten aktiv sein, dann erzielen wir einen positiven Effekt auf unser Herz-Kreislauf-System. Dabei muss es gar nicht harter Sport sein. Zügiges Spazierengehen genügt bereits. Hundebesitzer erreichen diese 150 Minuten meist mühelos. Denn ein Hund motiviert zum Gassigehen, auch bei Schietwetter. Pferdebesitzer können davon ein Lied wiehern. Während die Tierlosen sich an dunklen Wintertagen in Wolldecken kuscheln, gehen Pferdefreunde ihrer Pflicht nach und noch einmal zu dem Tier in den Stall. Womöglich braucht es ja eine warme Rosshaardecke.

Petra Jenal, 57, und ihr Pferd Don: „Mein Pferd ist wie ein Therapeut für mich. Schon eine Stunde auf dem Rücken von Don entspannt mich mehr als ein Wochenende im Wellness­hotel. Denn das Tier merkt sofort, ob es mir gut geht oder nicht. Wenn ich mit Don durch den Wald reite, fühle ich mich danach wie neugeboren. Die Bewegung an der frischen Luft und der wiegende Rhythmus des Pferdes tun auch meinem Rheuma gut.“

Dass Tiere den Menschen umgekehrt auch Wärme spenden, erfährt Silke Storz jede Woche. Die gelernte Tierpflegerin besucht mit ihren Hunden regelmäßig Seniorenheime und Pflegeeinrichtungen. Eine Stunde lang dürfen die alten Menschen dann die Tiere streicheln, ihnen Leckerlis geben oder das Fell bürsten. Storz erlebt immer wieder, wie die Senioren dabei aufblühen. „Die Hunde stillen das Bedürfnis der alten Menschen nach Wärme, Nähe und Liebkosungen“, sagt sie. Einige Heimbewohner würden sich schon Tage vor dem anstehenden Besuch auf die Hunde freuen und von nichts anderem sprechen. Beim Streicheln der Hunde fangen manche Demenzkranke sogar wieder an, sich an ihr altes Leben zu erinnern. „Es ist beeindruckend, was die Tiere auslösen können“, sagt Storz.

Silke Storz, 54, lebt auf einem Hof in Mecklenburg-Vorpommern, zusammen mit Eseln, Hunden, Katzen und Hühnern. Sie ist vom positiven Einfluss der Tiere auf alle Menschen überzeugt – nicht nur auf demenzkranke Senioren. „Bei Tieren dürfen wir schwach sein und Fehler machen, ohne dass sie uns kritisieren.“ Das nutzt sie für ihre Arbeit mit Kindern und Jugendlichen: Ein psychisch auffälliges Mädchen darf sich um die Esel kümmern, Kinder mit Leseschwäche dem Hund ein Buch vorlesen. „Das klappt viel besser, als wenn ein Erwachsener danebensitzt und bei jedem Fehler nörgelt.“

Auch Ergotherapeuten, Logopäden, Physio­therapeuten oder Psychologen nutzen Tiere als Ergänzung zu den klassischen Therapieformen – etwa bei Kindern mit Autismus oder therapie­müden Erwachsenen. Hunde, Katzen, Pferde oder Kamele sollen dann das Eis zwischen Therapeut und Patient brechen, die Motivation erhöhen oder eine Projektionsfläche für Ängste oder Probleme sein. „Tiergestützte Intervention“ nennen Wissenschaftler solche zielgerichteten Zusammentreffen von Therapeut, Patient und Tier. Die Kranken­kassen übernehmen die Kosten dafür nicht, trotzdem sind die Wartelisten lang.

Krankheiten lindern mit Tieren

Auch Petra Jenal erreichen weit mehr Anfragen, als sie bewältigen kann. Die 57-Jährige leitet ­ehrenamtlich einen Hof in der Nähe von Saar­brücken. Dort bietet sie therapeutisches Reiten ­für Menschen mit Behinderungen an. „Unsere Pferde können keine Krankheiten heilen. Aber sie helfen, die Symptome zu lindern, und verbessern so das Wohlbefinden.“ Auch sie lässt sich regel­mäßig von den Pferden helfen: Jenal hat starkes Rheuma, das durch das Reiten gelindert wird. Und nicht nur das: „Ich habe von den Pferden gelernt, dass ich besser ans Ziel komme, wenn ich die ­Dinge in Ruhe anpacke.“

Tiere haben offenbar geheime Kräfte, die weit über das Apportieren einer Zeitung hinausgehen. Studien haben gezeigt, dass etwa Hundebesitzer weniger unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen ­leiden, seltener zum Arzt gehen und im Alter oft länger selbstständig bleiben als Menschen ohne Hund. „Das liegt daran, dass die Tiere zu einem regelmäßigen Tagesablauf zwingen und ihre Halter mit anderen Menschen in Verbindung bringen“, sagt Kurt Kotrschal. Der österreichische Biologe und Verhaltensforscher, 67, untersucht seit vielen Jahren Mensch-Tier-Beziehungen, auch im pri­vaten Bereich: Kotrschal hat zwei Hunde und zwei erwachsene Kinder.

Ein Hund als Kumpan

Oft sind es ja die Kinder, die sich ein Haustier wünschen. Die Eltern geben dem Betteln irgendwann nach und schaffen einen Hamster oder einen Wellensittich an. Mutigere wagen sich an das Projekt „Hund“, was fast schon einer Lebensentscheidung nahekommt. Schließlich bindet man sich einen Vierbeiner für durchschnittlich zwölf Jahre an die Leine. Wenn man Kurt Kotrschal fragt, ist ein Hund im Haus so ziemlich das Beste, was einem passieren kann: „Menschen, die mit einem Hund groß werden, haben ein robusteres Mikrobiom, also eine günstigere Zusammensetzung der Darmbakterien.“ Er vermutet, das liege daran, dass Kinder dann den „richtigen Dreck“ essen und dadurch weniger anfällig für Allergien sind. Kotrschal ist überzeugt: „Wir sind für ein Leben mit Hunden ausgelegt.“ Er rät deshalb auch Erwachsenen, sich ein Haustier anzuschaffen, quasi als Mittel gegen Altersdepression. Kotrschal käme allerdings nie auf den Gedanken, einen Hund oder eine Katze als Haustier zu bezeichnen. „Kumpantier“ nennt er sie. „Hunde sind Partner, keine Spielzeuge.“

Spaziert man an einem ganz normalen Tag durch die Hamburger Innenstadt, beschleicht einen allerdings das Gefühl, dass nicht alle Haustierbesitzer das so sehen. Manche tragen Minihunde in einer Design-Handtasche spazieren, andere haben ihnen einen Fellmantel übergezogen oder ein farbig blinkendes Halsband umgebunden. Es ist erstaunlich, was da so alles promeniert: Ein Frettchenhalter führt zwei Fellgesellen an der Leine, ein junges Pärchen schmust mit einer zahmen Ratte.

„Man kann alles übertreiben“, sagt Kotrschal und seufzt. Ähnlich wie bei Kindern gebe es auch unter Tierbesitzern „Helikopter-Halter“, die ihre Tiere in Haute-Couture-Klamotten steckten, anstatt sie einfach auf einer Wiese oder im Wald toben zu lassen. „Bei solchen Haltern sind die Tiere oft ein Kindersatz.“ Dann erzählt er von einem Kollegen, der alle Hundehalter in zwei Gruppen einteile. „Die, die zugeben, dass der Hund mit ihnen im Bett schläft. Und die, die es nicht tun.“ Kotrschal lacht. Er teile sein Schlafgemach ja nicht mit den Tieren. „Meine Hunde sind Eigenbrötler, die brauchen nachts ihr eigenes Körbchen.“ Es klingt, als würde er das bedauern.

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