Persönliche Gesundheit

Gefährliches Vorhofflimmern bleibt häufig unbemerkt: Wie du es frühzeitig entdeckst

Wird Vorhofflimmern frühzeitig entdeckt, kann eine effektive Therapie eingeleitet werden, die schwere Folgen verhindert. Doch wie gelingt eine frühe Diagnose? Tragbare elektronische Geräte wie Smartwatches könnten bei der Suche nach symptomlosem Vorhofflimmern helfen.

Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung, wegen der Menschen in Deutschland einen Arzt aufsuchen. Viele Betroffene denken aber gar nicht daran, um ärztliche Hilfe nachzusuchen – weil sie von ihrem Vorhofflimmern nichts spüren. Wir gehen davon aus, dass etwa jeder zweite Mensch mit dieser Herzrhythmusstörung nichts davon merkt.

Beim Vorhofflimmern breitet sich etwa aufgrund von lokalen Gewebeveränderungen in der Herzwand die elektrische Erregung über die zwei kleineren Herzkammern, die sogenannten Vorhöfe, nur noch ungerichtet aus. Die Folge einer effizienten Entleerung sind schnelle und unkoordinierte Bewegungen der Vorhofwände. Das ist, was mit Flimmern gemeint ist. Ein normales Zusammenziehen der Vorhöfe findet nicht mehr statt, das heißt das Blut „steht“ im Vorhof oder fließt langsamer. Michael Böhm

Über den Experten

Michael Böhm ist Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin am Universitätsklinikum des Saarlandes und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Seit über 35 Jahren versorgt er täglich Patientinnen und Patienten mit akuten und chronischen Herzerkrankungen. Zudem forscht er intensiv auf den Gebieten Herzinsuffizienz, Bluthochdruck und Atherosklerose.

Gesunde Menschen spüren ihren Herzschlag allenfalls nach großen körperlichen Anstrengungen oder Aufregungen, wenn das Herz „bis zum Hals schlägt“. Viele Menschen mit Vorhofflimmern nehmen dagegen schon in Ruhe einen schnellen und unregelmäßigen Herzschlag wahr, der häufig als sehr unangenehmes „Herzstolpern“ oder „Herzrasen“ beschrieben wird. Damit einher können Unruhe, Angst, Luftnot, Schwäche- oder Schwindelgefühl sowie Brustschmerz gehen.

Vorhofflimmern kommt und geht, es kann anfallsartig auftreten und nach einiger Zeit wieder verschwinden. Wenn therapeutisch nichts unternommen wird, besteht die Gefahr, dass sich ein dauerhaftes Vorhofflimmern entwickelt, das sich irgendwann auch durch eine Elektroschock-Behandlung (Kardioversion) nicht mehr in einen normalen Herzrhythmus überführen lässt. Ärzte sprechen dann von persistierendem Vorhofflimmern.

Im Unterschied zum Kammerflimmern, das zum Ausfall der Pumpfunktion des Herzens und rasch zum Tod führen kann, ist das Auftreten von Vorhofflimmern kein lebensbedrohender akuter Notfall – auch wenn manche Betroffene die Symptome als sehr beunruhigend empfinden.

Das bedeutet aber nicht, dass wir uns mit der Behandlung Zeit lassen können. Eine unter Leitung deutscher Kardiologen durchgeführte europäische Studie hat erst jüngst ergeben, dass eine schon früh nach Diagnosestellung eingeleitete Therapie, bei der die Wiederherstellung und der Erhalt des normalen Herzrhythmus (Sinusrhythmus) das Ziel sind, von Vorteil ist.

Schwerwiegende Ereignisse wie Tod oder Schlaganfälle ließen sich auf diese Weise effektiver verhindern als durch eine verzögert begonnene Behandlung, bei der beispielsweise nur der erhöhte Herzschlag medikamentös auf ein erträglicheres Maß gesenkt wurde.

Zur großen Gefahr wird Vorhofflimmern, weil es die Entwicklung eines Schlaganfalls begünstigt. Durch den verlangsamten Blutfluss, den ich oben beschrieben habe,  können lokale Blutgerinnsel (Thromben) entstehen. Werden sie vom Blutstrom mitgerissen, gelangen sie häufig in die kleinen Gehirngefäße und verstopfen diese. Die Versorgung von Hirngewebe mit Blut und Sauerstoff wird unterbrochen, es kommt zum Schlaganfall.

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  • Mit Vorhofflimmern einhergehende Schlaganfälle verlaufen häufig besonders schwer. Nach einem entsprechenden Ereignis besteht zudem ein erhöhtes Risiko für weitere Schlaganfälle. Die gute Nachricht ist: Es mangelt heute nicht an Optionen, einem solchem Geschehen vorzubeugen. Durch Gabe von gerinnungshemmenden Medikamenten lässt sich bei gefährdeten Patienten mit Vorhofflimmern das Risiko für Schlaganfälle in starkem Maß senken. Neue Medikamente, die keine regelmäßigen Kontrollen der Gerinnungswerte mehr erfordern, haben die Behandlung zudem vereinfacht.

    Tückisch ist, dass Vorhofflimmern häufig nicht wahrgenommen wird. Vor allem ältere Menschen merken oft nichts oder nicht so viel davon, dass es sie beunruhigt. Dass Vorhofflimmern symptomlos ist, bedeutet aber nicht, dass dann die Gefahr eines Schlaganfalls geringer ist. Es kann passieren, dass erst ein eingetretener Schlaganfall den Hinweis auf ein zuvor unerkanntes Vorhofflimmern gibt. Glücklicherweise gibt es aber Mittel und Wege, einem „stummen“ Vorhofflimmern durch systematische Suche – wir bezeichnen das auch als „Screenen“ – frühzeitig auf die Spur zu kommen, um noch vorbeugend intervenieren zu können.

    Vor allem älteren Menschen und Patienten mit Erkrankungen wie Bluthochdruck sollten regelmäßig ihren Puls messen und darauf achten, ob er schnell geworden und unregelmäßig ist. Dabei festgestellte Auffälligkeiten sind noch kein Beweis für Vorhofflimmern, sie können aber ein wichtiger Fingerzeig sein.

    Für eine sichere Diagnose ist ein EKG erforderlich. Bei sporadisch auftretendem (paroxysmalem) Vorhofflimmern braucht es schon Glück, um Arrhythmie-Episoden bei einer einzigen 12-Kanal-EKG-Aufzeichnung zu erwischen. Etwas größer sind die Chancen beim Langzeit-EKG, doch oft genügt auch das nicht. Dann gibt es noch implantierbare Ereignisrekorder, mit denen sich der Herzrhythmus kontinuierlich bis zu drei Jahre lang Jahre überwachen lässt. Sind die Symptome ursächlich auf ein Vorhofflimmern zurückzuführen, lässt sich das mit solchen Rekordern gut dokumentieren. Die können aber nur in ausgewählten Fällen zum Einsatz kommen.

    Dank Digitalisierung lassen sich medizinische Messwerte heute immer besser auch mit tragbaren elektronischen Geräten wie Smartwatches oder Armbändern – sogenannten Wearables – erheben, die jeder käuflich erwerben kann. Einige sind sogar offiziell als Medizinprodukte zugelassen. Auch EKGs lassen sich damit schreiben und in Verbindung mit Smartphone-Apps analysieren und bewerten.

    Wearables sind für Kardiologen übrigens nichts völlig Neues: Bereits vor rund 75 Jahren hat Norman Holter den ersten tragbaren EKG-Apparat konstruiert. Der hatte zwar die Dimension eines vollgepackten schweren Rucksacks, ermöglichte aber schon damals eine mobile EKG-Aufzeichnung.

    Die heute angebotenen Wearables sind da wesentlich eleganter und praktischer. Da sie so verbreitet sind, bietet sich natürlich die verlockende Möglichkeit, damit auf breiter Basis nach noch unentdecktem Vorhofflimmern zu fahnden.

    Grundsätzlich eignet sich jede Smartwatch mit EKG-Funktion für die Detektion von Vorhofflimmern. Inzwischen gibt es zahlreiche Anbieter, die qualitativ hochwertige Produkte anbieten. Um ein aussagekräftiges Ergebnis zu erhalten, ist es allerdings besonders wichtig, dass die Smartwatch bei der Nutzung der EKG-Funktion richtig bedient wird. Nutzerinnen und Nutzer sollten sich also unbedingt sorgfältig die Bedienungsanleitung durchlesen oder eines der vielen hilfreichen Video-Tutorials ansehen, die im Internet zu finden sind.

    Wer vermutet, unter Vorhofflimmern zu leiden, sollte die EKG-Funktion vor allem dann anwenden, wenn Symptome auftreten, beispielsweise Herzrasen, Kurzatmigkeit oder Schwindel. Ausschlaggebend für die Aussagekraft der Smartwatch-EKGs ist auch, unter welchen Bedingungen sie aufgezeichnet wurde: Wer die Funktion beispielsweise während sportlicher Betätigung nutzt, wird keine verlässlichen Daten erhalten.

    Noch aber sind wir nicht so weit, dass wir die Allgemeinbevölkerung quasi zur eigenständigen Jagd auf diese Arrhythmie mithilfe von Wearables ermuntern können. Viele Fragen sind noch zu klären. Ein Problem ist etwa, dass Wearables gerade in Bevölkerungsgruppen, in denen Vorhofflimmern eher selten vorkommt, nicht selten falsch-positive Messergebnisse anzeigen. Dadurch können bei Betroffenen nicht nur unnötige Sorgen und Ängsten hervorrufen werden. Auch gilt es zu verhindern, dass falsche Verdachtsdiagnosen zu einem Ansturm alarmierter Menschen auf schon jetzt überlastete Arztpraxen führen und überflüssige diagnostische Tests und Therapien nach sich ziehen. Dadurch würden finanzielle Ressourcen im Gesundheitswesen in falsche Kanäle geleitet.

    Ganz entscheidend ist die Frage, welchen Nutzen die Ermunterung von Menschen zum eigenständigen Screenen auf Vorhofflimmern mithilfe von Wearables bringen würde. Die aktuelle Datenlage berechtigt zwar schon heute zu der Feststellung, dass Wearables prinzipiell für ein Screening auf Vorhofflimmern einsetzbar sind. Ob aber der damit erzielbare höhere diagnostische Ertrag am Ende auch zu einer noch besseren Vorbeugung von Schlaganfällen führen wird, lässt sich noch nicht sicher sagen. Studien etwa bei bestimmten Risikogruppen laufen derzeit. Da werden wird bald sicher mehr wissen.   
     

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