Kinder Gesundheit

Coronavirus

SPIEGEL: Herr Terhardt, der Biontech-Chef Uğur Şahin hat diese Woche vielen Eltern Hoffnungen gemacht, dass ihre Sprösslinge schon bald gegen Covid-19 geimpft werden können. Die 12- bis 15-Jährigen könnten sogar schon im Juni dran sein. Muss die Stiko jetzt ihre Impfpriorisierung überarbeiten?

Martin Terhardt: Die Stiko hat sich dazu bisher noch gar nicht beraten und wir tun das auch erst, wenn uns entsprechende Daten aus den Zulassungsstudien vorliegen. Heute wurde ja erst der Antrag bei der Europäischen Arzneimittelagentur (Ema) für 12- bis 15-Jährige gestellt. Wie schnell die Ema dann den Impfstoff tatsächlich für diese Altersgruppe zulässt, weiß ich nicht. Ich bin außerdem noch nicht ganz davon überzeugt, dass unter 12-Jährige tatsächlich ab September geimpft werden können, dazu habe ich noch keine Daten gesehen. Denn bei den ganz Jungen muss vielleicht die Dosis angepasst werden, daher denke ich, dass die Studien etwas länger dauern. Ich hoffe, das ist jetzt nicht wieder so eine Ankündigung, die hohe Erwartungen erzeugt, die am Ende nicht eingehalten werden können. Das haben wir ja leider in dieser Pandemie schon häufig erlebt.

Martin Terhardt ist Kinder- und Jugendarzt in Berlin. Bei der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut ist er Mitglied der Arbeitsgruppe Covid-19-Impfung. Diese ist für Empfehlungen rund um die Covid-19-Impfstoffe in Deutschland zuständig. Derzeit ist Terhardt außerdem in einem Berliner Impfzentrum im Einsatz.

SPIEGEL: Bei unserem letzten Gespräch haben Sie noch damit gerechnet, dass Kinder unter 16 frühestens Ende des Jahres geimpft werden könnten – überrascht es Sie, dass Biontech nun so schnell ist?

Terhardt: Ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell geht. Man muss schon sagen, dass Biontech vieles richtig macht, meine Hochachtung! Dort hat man sich mit Pfizer einen guten Partner für die klinischen Studien geholt, die Firma ist sehr strukturiert vorgegangen und hat eine klare Öffentlichkeitsarbeit. Zudem sind mRNA-Impfstoffe eine Technologie, die uns ganz viele Möglichkeiten in der Zukunft eröffnet. Was Biontech da erreicht hat, ist schon eine echte Erfolgsgeschichte.

SPIEGEL: Angenommen, die Impfung für Kinder wird tatsächlich in wenigen Wochen freigegeben. Müsste man dann diese Altersgruppe noch vor den Erwachsenen impfen, damit die Kinder wieder in die Schule können?

Terhardt: Das ist jetzt die Frage, die sich für die Politik stellt: Einerseits ist die Morbidität bei Kindern und Jugendlichen recht niedrig. Es gibt selten schwere Verläufe. Andererseits spielen infizierte Kinder und Jugendliche eine Rolle bei der Weiterverbreitung des Virus, sowohl in die Schulen hinein als auch aus den Schulen wieder in die Familien und an andere Kontakte, die teilweise ein höheres Risiko für schwere Verläufe haben. Nun kann man sich entweder auf den Individualschutz von besonders gefährdeten Person konzentrieren. Dann müsste man die Impfpriorisierung weiterhin so beibehalten, dann kämen die meisten Kinder erst relativ spät dran. Außer, sie gehören selbst zu einer Risikogruppe, denn es gibt auch Jugendliche unter 16 mit chronischen Krankheiten und höherem Risiko bei Covid-19. Oder man nimmt die Herdenimmunität in den Fokus, die indirekt auch vulnerable Gruppen schützt, dann muss man diejenigen schnellstmöglich impfen, die viele Kontakte haben und das Virus potenziell weiterverbreiten – also auch Kinder.

SPIEGEL: Kinder haben vielleicht seltener schweren Verläufe, dafür leiden sie psychisch sehr stark unter den Auswirkungen der Pandemie. Wie wägt die Stiko hier zwischen Nutzen und Risiken ab?

Terhardt: Die Stiko hat ganz strenge Regeln und trifft Entscheidungen so evidenzbasiert wie möglich. Unsere Empfehlungen beziehen sich immer auf die aktuelle Studienlage, also etwa die Daten von Impfstoffstudien oder die Erkenntnisse zu Krankheitsverläufen der ersten beiden Wellen. Wir entscheiden also auf der Basis von medizinischen Daten und orientieren uns hauptsächlich an der Krankheitslast. Die psychischen Belastungen durch Homeschooling sind eher Gegenstand von politischen Entscheidungen, und weniger die der Stiko.


SPIEGEL: Kanzlerin Angela Merkel hat versprochen, die Impfpriorisierung im Juni aufzuheben. Muss sie ihr Versprechen wieder zurücknehmen, wenn im selben Monat auch noch die Kinderimpfung zugelassen wird?

Terhardt: Die Impfpriorisierung gibt es aktuell nur, weil wir nicht genug Impfstoff haben. Wenn die Kanzlerin entscheidet, dass die Priorisierung bald nicht mehr notwendig ist, dann weil sie damit rechnet, dass ab Juni ausreichend Impfstoff da ist. Wenn allerdings nun zu den Erwachsenen noch ein paar Millionen Kinder unter 16 Jahren hinzukommen, dann könnte es wieder knapp werden. Und selbst wenn genug Impfstoff da ist, wird es auch für die Impfärzte schwierig werden, das dann umzusetzen. Die Wartelisten werden schon jetzt immer länger, der Aufwand für die Praxen ist enorm.

SPIEGEL: Was bräuchte es, damit das klappen kann?

Terhardt: Wir brauchen viel mehr Praxen, die sich beteiligen, wir brauchen die Betriebsmedizin. Vor allem muss das Impfen unkomplizierter gestaltet werden, niedrigschwelliger. Wenn bald noch Kinder unter 16 dazu kommen, müssen auch die Kinderarztpraxen miteinbezogen werden. Und da sollten wir dann möglichst vor dem Winter fertig sein, weil da dann ohne Lockdown das Infektionsgeschehen wieder zunehmen wird. Das wird eine riesige Kraftanstrengung, die wir so noch nie gemacht haben.

SPIEGEL: Es gibt derzeit viele Diskussionen um Privilegien für Geimpfte. Wird das nicht in ein gesellschaftspolitisches Chaos münden, wenn etwa geimpfte Kinder wieder in die Schule dürfen und nicht geimpfte weiter Homeschooling machen müssen?

Terhardt: Das befürchte ich auch. Ich kann mir im Moment noch nicht vorstellen, wie das gerecht ablaufen soll. Da sind Konflikte ja vorprogrammiert. Ein Konzept könnte sein, dass wir auch in den Schulen impfen, in großen gemeinsamen Aktionen mit niedergelassenen Ärzten, Gesundheitsämtern und anderen helfenden Händen. So könnte man dann nach und nach ganze Schulen durchimpfen. Das wiederum unter Pandemiebedingungen ist schwer vorstellbar. Wichtig ist, dass alle jetzt schon mal anfangen, sich Gedanken zu machen, wie das dann optimal ablaufen kann – die niedergelassenen Ärzte, die öffentlichen Gesundheitsdienste, die Schulen und die Landesministerien – und alles vorzubereiten. Bisher waren wir ja leider nicht immer die Schnellsten.

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