Gesundheit

Warum sich die Corona-Entscheider jetzt nicht in Öffnungs-Orgien drängen lassen dürfen

Deutschland hat keine Lust mehr auf Lockdown. Von überall brüllen Industrie, Gastronomie und auch Psychiater jetzt nach Lockerungen. Allein leiten von den am lautesten Schreienden, darf sich die Politik jetzt aber nicht.

Wieder sitzen heute die Länderchefs mit der Kanzlerin virtuell zusammen. Wieder geht es um die Corona-Maßnahmen. Und doch unterscheidet sich der Bund-Länder-Gipfel am Mittwoch fundamental von den vorherigen Auflagen. Zuletzt ging es dort eher um Variationen des immer Gleichen: die Verlängerung der Lockdowns. Seit achtzehn Wochen gilt er inzwischen; in eben unterschiedlich modifizierter Form. Seit Mitte Dezember ist außer Geschäften des täglichen Bedarfs quasi alles zu. Nur die Schulen und Kitas durften teilweise wieder öffnen.

Mit genau diesem Dauer-Lockdown soll jetzt aber Schluss sein, wie aus einer ersten Version der Beschlussvorlage hervorgeht, die FOCUS Online vorliegt. Öffnungen von Buchhandlungen, Blumengeschäften und Gartenmärkten sollen demnach bundesweit sofort kommen. Auch Fahr- und Flugschulen sollen wieder den Betrieb aufnehmen dürfen. Private Kontakte sollen wieder mit einem weiteren Haushalt und maximal fünf statt einer Person erlaubt sein.

Beschlussvorlage sieht Öffnungen vor

Im nächsten Schritt könnten der Einzelhandel sowie Museen, Galerien und Zoos folgen. Auch eine Wiederöffnung der Außengastronomie sieht das Papier vor – unter der Prämisse, dass die Gäste ihre Daten hinterlegen und sofern mehrere Hausstände mit am Tisch sitzen, negative Schnelltest-Ergebnisse vorlegen können.

Offenbar noch zu diskutieren zwischen Länderchefs und Kanzlerin Angela Merkel ist die dafür lokal zu erreichende Inzidenz. Neben der als grundsätzliches Ziel genannten 35 Infektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche sind in der Beschlussvorlage für jeden Lockerungsschritt abgeschwächte Öffnungsversionen aufgeführt. Die dafür maßgebliche Marke fehlt bislang, statt einer konkreten Zahl stehen in dem Entwurf zwei dicke Platzhalter-XX. Berichten nach könnte in der endgültigen Version nach den heutigen Beratungen eine Inzidenz von 70 stehen.

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  • Dauer-Lockdown bedeutet enorme Kollateralschäden

    Dass Kanzlerin Merkel und die beiden der Ministerpräsidentenkonferenz turnusmäßig vorsitzenden Ministerpräsidenten aus Berlin und Bayern, Müller und Söder, Deutschland und der Hauptstadtpresse am Abend Lockerungen ankündigen werden, scheint allerdings sicher.

    Zu übermächtig sind inzwischen die Rufe danach aus Industrie, Gastronomie und Handel, zu groß die physischen und seelischen Kollateralschäden des weitgehenden Stillstands des öffentlichen Lebens in den vergangenen Monaten. Die Zahl der Depressiven nimmt zu, die Fälle häuslicher Gewalt steigen. Es wird mehr Alkohol getrunken, Operationen verschoben. Kinder- und Jugendmediziner warnen vor einer corona-geschädigten Generation.

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    Und doch sind weitgehende Öffnungen heute aus infektiologischer Sicht mindestens zu hinterfragen; ein Zurück zu einem zumindest etwas normaleren Leben wie im Sommer vergangenen Jahres, dafür scheint es zu früh. Experten wie Virologe Christian Drosten oder SPD-Mann Karl Lauterbach, der selbst Medizin studiert hat und mit seinen wenig optimistischen Pandemie-Prognosen leider erstaunlich oft richtig lag, sprechen bereits von einer rollenden dritten Infektionswelle.

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    Die ebenfalls anrollende Impfkampagne wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zwar verhindern können, dass diese zu einer Explosion der schweren Verläufe und intensivmedizinisch zu behandelnden Risiko-Patienten jenseits der 80 führt. Doch vom Eis ist die Corona-Kuh damit noch lange nicht.

    Trotz Lockdown-Frust: Die Pandemie ist noch nicht ausgestanden

    Die Corona-Zahlen sind seit Weihnachten massiv zurückgegangen. Statt mehr als 30.000 pro Tag meldet das RKI inzwischen wieder Neuinfektionen im vierstelligen Bereich. Auch die Zahl der Toten hat sich wieder stabilisiert, tragische Höchstwerte von mehr als 1000 mit oder an Corona Verstorbenen gab es seit mehr als eineinhalb Monaten nicht mehr. Doch die Lage bleibt angespannt, die Pandemie ist noch lange nicht vorbei, wie es der WHO-Europadirektor zuletzt medienwirksam propagierte. Dass die Welt im Sommer keine Maßnahmen gegen die Ausbreitung mehr brauchen wird, ist zwar wünschenswert. Doch davon, dass man das Virus kleinredet, verschwindet es nicht.

    Fakt ist auch: Deutschlands Gesundheitsämter sind weiter nicht in der Lage, sämtliche Infektionsketten mit den ihnen derzeit verfügbaren Mitteln durch eine rasche Benachrichtigung der Kontaktpersonen zu unterbrechen; die 7-Tage-Inzidenz liegt republikweit weiter bei mehr als 60, seit einigen Tagen steigen die Zahlen wieder. Ärzte und Pflegekräfte in deutschen Kliniken behandeln weiter fast 3000 Covid-Patienten auf Intensivstationen. 1600 davon müssen Maschinen beatmen. 

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    Intensivmediziner fordern eine Verlängerung des Lockdown bis April

    Die deutsche Intensivmedizin warnt deshalb vor der Öffnung, die viele andere deutlich lautstärker fordern – und drängt auf eine Verlängerung des harten Lockdowns bis mindestens Anfang April. „Sonst wird die dritte Welle nur schwer oder überhaupt nicht beherrschbar sein“, mahnt Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), die mehr als 2000 auf Intensivstationen tätige Mediziner vertritt.

    • Mehr zum Thema: "3. Welle nur schwer beherrschbar" – Intensivmediziner fordern Lockdown bis Anfang April

    Sorge bereiten ihnen nicht nur die weiter hohen Zahlen von Covid-Kranken in ihren Kliniken und die enorme Belastung ihrer Mitarbeiter seit nun mehr einem Jahr. „Sie sind keine Maschinen“, mahnte Marx kürzlich im Gespräch mit FOCUS Online. „Da wir durch den ersten Lockdown einen Rückstau an Operationen hatten, die im Sommer nachgeholt wurden, kam es zu überhaupt keiner Entspannung auf den Intensivstationen.“

    Langzeitfolgen von Sars-CoV-2 bisher nicht absehbar

    Auch vor Langzeitfolgen von Ansteckungen mit Sars-CoV-2 warnen die Mediziner. Denn was das Virus im Körper anrichtet, zeigt sich nicht selten erst nach dem Abklingen der akuten Infektion. Wie inzwischen immer mehr Studien zeigen, kann das Virus auch lange danach Infizierten zusetzen; von nicht abklingen wollender Müdigkeit, von Schlafstörungen und hämmernden Kopfschmerzen, Leistungseinbußen, die einen normalen Alltag unmöglich machen, und kognitiven Störungen berichten Ärzte der inzwischen in ganz Deutschland etablierten sogenannten Long Covid-Ambulanzen. Und das nicht nur bei Personen, die im Krankenhaus lagen und beatmet werden mussten, sondern bedenklich häufig auch bei vormals fitten und kerngesunden Menschen mit nur leichten Symptomen.

    Jördis Frommhold, die in Heiligendamm an der Ostsee eine der ersten spezialisierten Anlaufstellen für Ex-Corona-Patienten aufgebaut hat, die zwar genesen, aber bisher nicht wieder gesund geworden sind, warnt schon jetzt vor dieser „dritten Gruppe“ an Corona-Betroffenen – neben denen, bei denen die Infektion tatsächlich folgenlos ausheilt, und jenen, die nach einem schweren Verlauf mit anders gelagerten Langzeitfolgen kämpfen. „Die dritte Gruppe macht mir eigentlich am meisten Sorge, weil sie durchs Raster fällt“, erklärt die Reha-Ärztin und Lungenspezialistin. „Wir reden hier von jungen Menschen mit demenzartigen Symptomen.“

    Long-Covid trifft längst nicht nur Alte und Vorerkrankte

    Was dahinter steckt, die Medizin weiß es bisher nicht. „Wir befinden uns in einem kontinuierlichen Erfahrungsprozess und lernen jeden Tag dazu. Noch immer sind wir über so manche Konstellationen oder Befunde überrascht“, sagt Andreas Stallmach, der in Jena ebenfalls Long-Covid-Betroffene betreut, im FOCUS-Online-Interview. Das mittlere Alter dieser Patienten in seiner Klinik liegt bei 51 Jahren, schildert er. „Das heißt: Die eine Hälfte ist über, die andere unter 51 Jahre alt. Die Annahme, dass das Post-Covid-Syndrom schwerpunktmäßig alte oder auch nur vorerkrankte Menschen betrifft, trifft somit nicht zu.“

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    Fälle aus den USA werfen zudem die Frage auf, ob eine Infektion mit Sars-CoV-2 das Parkinson-Risiko erhöhen kann. Auch die Wahrscheinlichkeit für eine Demenzerkrankung im Alter könnte das Virus steigern. Röntgenbilder zeigen bei manchen Corona-Patienten teils stark vernarbte Herzen und Lungen; Langzeitfolgen dessen können Ärzte bisher kaum absehen.

    Und auch andere Krankheiten, die man nicht gleich mit einer durchgemachten Corona-Infektion in Verbindung bringt, können auftreten, vermuten Experten. Große Studien fehlen bislang, doch die Beobachtungen zeigen, dass die Gefahr des Virus deutlich über die akute Infektion hinausgeht.

    Infektionslage lässt keine vorschnelle Lockerungen zu

    Lockerungen der strengen Corona-Maßnahmen müssen deshalb sehr sorgfältig überlegt und abgewogen werden. Ein zu schnelles, zu umfassendes Öffnen könnte sonst sehr schnell einen erneuten Anstieg der Zahlen bewirken. Die grassierende und wohl ansteckendere Mutation B.1.1.7 macht die Situation zusätzlich fragil.

    Dass Stimmen gegen eine erneute Verlängerung und mehr öffentliches wie privates Leben gehört werden, ist insbesondere für die breite Akzeptanz der Maßnahmen extrem wichtig. Sie müssen genauso Eingang finden in die Entscheidungsfindung der politischen Entscheidungsträger, wie die Gefahr der Ausbreitung des Virus. Überlagern dürfen sie sie aber nicht; egal wie laut und verständlich die Rufe derjenigen sind, die sie fordern.

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