Gesundheit

Schwanger mit Zwillingen von zwei Vätern – das Phänomen "Überschwängerung"

Zugegeben: "Überschwängerung" ist wirklich kein schönes Wort – aber noch immer Teil des offiziellen Medizin-Deutsch. Was nach aktuellen Berichten einer Mutter in Brasilien widerfahren ist, kann man auch eleganter "Überbefruchtung" oder gar (lateinisch) "Superfecundatio" nennen. Gemeint ist immer dasselbe: Eine Mehrlingsschwangerschaft mit verschiedenen Vätern. Dies wird jetzt also aus Brasilien berichtet. In früheren Jahren wurden ähnliche Fälle aus verschiedenen Ländern vermeldet, und jedes Mal staunt die Welt ein wenig. Aber warum eigentlich? Wenn es zweieiige Zwillinge mit ein und demselben Vater gibt, warum sollten dann nicht auch Halbgeschwister, jeweils mit ihrem eigenen Mutterkuchen, im Bauch ihrer Mutter aufwachsen können? Sicher ist: Das geht.

Bei anderen Säugetieren kommt es viel öfter vor, und bei Menschen eben auch. Seltener zwar, aber auch nicht extrem selten – bei Zwillings-Vaterschaftsstreitigkeiten, die ja oft gerade deswegen zustande kommen, weil die Mutter mehrere infrage kommende Geschlechtspartner hatte, fand man mitunter mehr als zwei Prozent solcher Fälle. Es gibt, nebenbei bemerkt, auch den Fall, dass zwei Zwillinge zwar von ein und demselben Mann stammen, aber nicht exakt gleich alt sind. Das Prinzip dahinter ist immer dasselbe: In demselben Monatszyklus müssen mehrere Eizellen erfolgreich springen, in diesem Fall zwei, und beide müssen auf ein fittes Spermium treffen, um mit ihm zu verschmelzen. Das kann auch mit einem kleinen zeitlichen Unterschied geschehen, und auch die Lebensdauer von Spermien lässt dabei einiges zu, denn sie kann bis zu fünf Tage betragen. Umgekehrt wird klar: Eineiige Geschwister von verschiedenen Vätern kann es nicht geben. Denn die sind ja stets genetisch identisch.

Was steckt dahinter?


Brasilianerin bekommt Zwillinge – die Jungen haben zwei verschiedene Väter

Mutter aus Brasilien war überrascht

Was für all das nötig ist, irritiert Biologen also nicht, sondern allenfalls Moralisten: Es braucht dazu Sex mit mehreren Partnern in kurzem zeitlichen Abstand – zumindest wenn man die kriminelle Energie von unmoralischen Samenbank-Betreibern ausschließt. Auch das ist keineswegs theoretisch: 2017 wurde bekannt, dass ein niederländischer Arzt nicht nur mindestens 49 Nachkommen heimlich mit eigenem Sperma gezeugt, sondern auch Samenspenden verschiedener Männer zu Gemischen verrührt und sie für Befruchtungen verwendet hatte. Passende Unterlagen hatte er gefälscht. Er wurde nie bestraft, denn er war zuvor im Alter von 89 Jahren verstorben.

Die gewöhnliche Ursache für Zwillinge von verschiedenen Vätern ist und bleibt aber Sex, und die 19-Jährige Mutter der brasilianischen Babys sagte dem TV-Sender Globo, dass es auch in ihrem Fall so gewesen sei, und war (wie die meisten Menschen, den solch ein Fall zum ersten Mal begegnet) überrascht, das es ein solches Phänomen gibt.

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Spermien sind sehr wettbewerbsorientiert

Evolutionsforscher haben auf all dies einen ziemlich nüchternen Blick – insbesondere dann, wenn sie ihn darauf richten, was, statt ganzer Menschen, Spermien eigentlich "wollen". Und die wollen im Rennen zur Eizelle (oder den Eizellen) einfach nur gewinnen. Denn sie tragen ja das, was uns selbst um Generationen und Abergenerationen überlebt: Unsere Gene. Und die sind ziemlich wettbewerbsorientiert, weswegen es etwa seit den 1990er-Jahren eine Forschungstradition zum Spermien-Wettkampf, den so genannten "sperm wars" gibt. Selbst bei nur einem Geschlechtspartner sind es Millionen Spermien, die ins Wettrennen um die meist nur eine kostbare Eizelle eintreten, so dass das Sieger-Samenfädchen einem Lottogewinner vergleichbar ist. Auch bei mehreren Partnern kommt es zur Konkurrenz – und die Furcht davor ist offenbar tief im Unterbewusstsein männlicher Lebewesen eingegraben: Sie bewachen Weibchen, verschleiern Frauen, versiegeln (etwa unter Insekten) weibliche Genitalien nach der Kopulation mit speziellen Stopfen und so weiter.

Dank der heute verfügbaren Technologie ist es immerhin möglich, die Unterhaltspflichten im Zweifelsfall gerecht aufzuteilen: Jedes der aus einer Schwangerschaft stammenden Halbgeschwister lässt sich seinem biologischen Vater eindeutig zuordnen.

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