Gesundheit

Missstände im Pflegeheim: "Ich beobachtete, wie Demenzkranke in den Zimmern eingesperrt wurden"

"Ich arbeite seit 30 Jahren in der Pflege. Ich habe Missstände in allen Bereichen erlebt. Aber als ich im Mai 2020 in dieses Pflegeheim kam, wollte ich am liebsten rückwärts wieder rauslaufen. Das Heim stand seit Jahren immer wieder in den Schlagzeilen, Augenzeugen berichteten von schockierenden Zuständen. Dann erkrankten die ersten Bewohner an Corona, die Lage spannte sich weiter an, der Pflegenotstand war dramatisch. Also sprang ich spontan für zwei Wochen als ehrenamtliche Hilfskraft ein. Schon am ersten Tag merkte ich: In diesem Pflegeheim stimmt was nicht. Doch der Corona-Ausbruch war nicht das Problem.

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Kaum jemand, der hier arbeitete, hatte eine Ahnung davon, was er tat. Die Abläufe waren chaotisch, die Mitarbeiter völlig überfordert, die Ausrüstung veraltet und verdreckt, Medikamente zum Teil abgelaufen oder vertauscht. Es mangelte an allem, vor allem an Hygiene. Ich beobachtete, wie Hilfskräfte bei den Bewohnern Fieber maßen – ohne den Plastikaufsatz des Thermometers nach dem Messen zu wechseln. Ich habe versucht, einzugreifen, aber die Pflegekräfte reagierten genervt. Andere verstanden mich erst gar nicht, weil sie kein Deutsch sprachen.

Aber am schlimmsten war der Zustand der Bewohner. Ich kam in die Zimmer und war fassungslos: Die Menschen lagen in ihrem eigenen Dreck. Sie waren seit langer Zeit nicht gewaschen worden, die Haare waren speckig, die Augen verklebt, die Nägel lang wie Krallen. Die Bettlaken waren schmutzig und schon seit langem nicht gewechselt worden. Viele Bewohner waren außerdem mangelernährt und hatten Flüssigkeitsdefizite. Das Essen vom Vortag wurde püriert und am nächsten Tag wieder serviert. Vielen wurde das Essen einfach ins Zimmer gestellt. Manche Bewohner waren aber gar nicht in der Lage, allein zu essen. Dann wurde das volle Tablett wieder abgeräumt. "Hat wohl keinen Hunger", hörte ich die Pflegekräfte sagen. Ich beobachtete auch, wie Demenzkranke in den Zimmern eingesperrt wurden, damit man nicht gucken musste, wo sie sind. Auch nachts wurden Menschen eingeschlossen, damit sie nicht "wandern". In diesen Zimmern waren sogar die Fenstergriffe abgeschraubt.

Ich dachte bis dahin: So schlimme Zustände gibt es in deutschen Einrichtungen nicht mehr. Aber was ich in diesem Heim erlebt habe, war eine Katastrophe. Was hier mit den Bewohnern passierte, war menschenunwürdig und kaum auszuhalten. Das ärgert mich sehr: Dass es Betreiber gibt, denen es egal ist, wie die Menschen dort leben. Oder wie das Personal dort arbeitet. Es ist Irrsinn, was teilweise in der Pflege läuft. Das ist moderner Menschenhandel."

*Name geändert; der richtige Name ist der Redaktion bekannt

Über die Aktion:

Es geht um Ihre Kinder, Eltern und Großeltern, um unser aller Zukunft. Wir brauchen gute Pflege. Früher oder später. Deutschland altert schnell, und immer mehr Menschen sind im Alltag auf professionelle Pflege angewiesen. Doch in den Krankenhäusern, Heimen und bei den ambulanten Diensten herrscht ein enormer Pflegenotstand. Überall fehlen Pflegekräfte, weil die Arbeitsbedingungen schwer zumutbar sind und das Gehalt zu niedrig. Viele gute Pflegekräfte steigen aus. Die Arbeit müssen diejenigen machen, die noch da sind. Für die Bewohner oder Patienten bleibt dann noch weniger Zeit.

Wir alle sind davon akut bedroht: Pflegekräftemangel führt zu schwereren Krankheitsverläufen, mehr Komplikationen und Todesfällen. Unsere Politiker:innen finden seit zwei Jahrzehnten keine wirksame Gegenmaßnahme. Es braucht einen ganz großen Wurf, um den Pflegekollaps noch aufzuhalten. Unser Umgang mit dem Thema Pflege entscheidet darüber, wie menschlich unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert bleibt.

Endspurt bis zum 11. Februar. Unterschreiben Sie jetzt! Hier geht es zur Bundestagspetition.

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