Gesundheit

Hirnvenenthrombose: Was ist das eigentlich? Und wie unterscheidet sie sich von normaler Thrombose?

Was ist eine Hirnvenenthrombose?

Vereinfacht gesagt: ein Blutgerinnsel in Venen, die Blut aus dem Gehirn abführen. Die großen Venen, die im Gehirn verlaufen, werden "Sinus durae matris" genannt. Hirnvenenthrombosen werden daher auch als Sinusvenenthrombosen bezeichnet.

Was haben Hirnvenenthrombosen mit der AstraZeneca-Impfung zu tun?

Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat am Montag mitgeteilt, dass es einen "zeitlichen Zusammenhang" zwischen der Impfung und dem Auftreten von Hirnvenenthrombosen bei sieben Menschen gibt – bezogen auf 1,6 Millionen Impfungen. Es soll sich um sechs Frauen und einen Mann handeln. Drei der Patienten verstarben, wie Klaus Cichutek, Chef des Paul-Ehrlich-Instituts am Montagabend in den ARD-"Tagesthemen" mitteilte.  

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Hirnvenenthrombosen sind für gewöhnlich sehr selten. Die Häufung im Zusammenhang mit der Impfung ist daher auffällig und wird untersucht. Bis zur Klärung werden die Impfungen mit AstraZeneca in Deutschland ausgesetzt – eine Vorsichtsmaßnahme, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag auf einer Pressekonferenz erklärte. Unklar ist derzeit, ob die Impfungen tatsächlich zu den Thrombosen geführt haben oder ob lediglich ein zeitlicher Zusammenhang besteht.

Nach dem Impfstopp in Dänemark war zunächst von einem nicht auffälligen Zusammenhang zwischen Impfung und Thrombose die Rede – was hat sich geändert?

"Vergangene Woche sah es so aus, als würde es sich bei den aufgetretenen Problemen um gewöhnliche Thrombosen handeln. Die kommen recht häufig vor, was es relativ unwahrscheinlich machte, dass ein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung vorliegen würde", so Anke Huckriede, Professorin für Vakzinologie an der Universität Groningen. Nun gebe es aber neue Informationen, wonach es sich um eine sehr spezielle, selten vorkommende Form von Thrombose handele. Dies müsse untersucht werden.

Was ist der Unterschied zwischen einer normalen Thrombose und einer Hirnvenenthrombose?

Wird im Alltag von einer Thrombose gesprochen, ist damit meist eine tiefe Beinvenenthrombose gemeint. Es handelt sich um ein Gerinnsel, das sich in den tiefen Bein- und Beckenvenen bilden kann – zum Beispiel nach langen Flugreisen. Reißt sich der Blutklumpen von der Gefäßwand, wandert er mit dem Blutstrom bis zur Lunge, wo er sich festsetzen kann. Eine potenziell lebensbedrohliche Lungenembolie ist die Folge, die sich mit plötzlich einsetzender Atemnot, Herzrasen und Brustschmerzen bemerkbar machen kann.

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Laut der Deutschen Gesellschaft für Angiologie und Gesellschaft für Gefäßmedizin (DGA) ist die Häufigkeit dieser Gerinnsel stark vom Alter der Patienten abhängig, aber auch die Einnahme der Antibabypille, Übergewicht, Rauchen und selbst lange Flugreisen erhöhen das Risiko.

In der Gruppe der 20- bis 40-Jährigen erkrankt laut DGA einer von 10.000 Menschen an einer neuen Beinvenenthrombose oder Lungenembolie jährlich. Bei Menschen über 75 Jahren erleidet im gleichen Zeitraum einer von 100 eine solche Thrombose. Etwa 100.000 Menschen sterben laut DGA jährlich als Folge einer thrombotischen Erkrankung in Deutschland.

Hirnvenenthrombosen sind dagegen eine spezielle, seltene Art von Thrombosen.

Wie oft treten Hirnvenenthrombosen auf?

Hirnvenenthrombosen treten – anders als Beinvenenthrombosen – verhältnismäßig selten auf. Schätzungen zufolge erkranken zwei bis fünf Menschen pro einer Million jährlich an dieser Thrombosenart. Die Zahlen variieren allerdings. Es gibt auch Schätzungen, die von bis zu 15 Fällen pro einer Million Menschen ausgehen. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, spricht gegenüber dem "Science Media Center" von einem Fall pro 100.000 Einwohnern im Jahr. 

Frauen sind häufiger betroffen als Männer und jüngere Personen haben ein höheres Risiko als ältere. "In der späten Schwangerschaft, im Wochenbett und bei Frauen, die die Antibabypille einnehmen, sehen wir die Sinusvenenthrombosen am häufigsten", so Berlit. Dazu kommen Sinusvenenthrombosen, die im Zusammenhang mit Infektionen auftreten, "allerdings häufiger bei bakteriellen Infektionen als bei viralen Infektionen."

Was ist über die Ursachen von Hirnvenenthrombosen bekannt?

Nicht immer wird der eine entscheidende Auslöser gefunden. Anders als bei Lungenembolien, bei dem sich ein fortgeschwemmtes Gerinnsel festsetzt, entstehen die Hirnvenenthrombosen vermutlich vor Ort. "Eine lokale Entzündung am Endothel – also der Gefäßwand – kann eine Thrombosebildung begünstigen", erklärt Peter Berlit. Auch Hormone, Infekte oder Gerinnungsstörungen beeinflussen das Risiko.

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"Zudem gibt es Daten, dass bei der Covid-19-Erkrankung gehäuft Schlaganfälle auftreten können", so Berlit. "Und unter diesen Schlaganfällen, die ja insgesamt selten sind, kommen auch Sinusvenenthrombosen vor. Sinusvenenthrombosen sind also auch als Komplikation der Covid-19-Erkrankung beschrieben."

Welche Symptome löst eine Hirnvenenthrombose aus?

Die Symptome können sehr uncharakteristisch sein. Betroffene klagen mitunter über Kopfschmerzen und Fieber. 

Treten mehr als vier Tage nach einer AstraZeneca-Impfung starke und anhaltende Kopfschmerzen oder punktförmige Hautblutungen auf, sollten sich Betroffene "unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben", teilt das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) mit. 

Wie werden Hirnvenenthrombosen behandelt?

So bedrohlich Hirnvenenthrombosen zunächst erscheinen mögen, sie sind grundsätzlich gut zu behandeln – können in schweren Fällen aber auch tödlich enden. Die Diagnose erfolgt mithilfe von Laboruntersuchungen und bildgebenden Verfahren wie MRT. Im Anschluss verabreichen Ärzte ein gerinnungshemmendes Mittel, meist Heparin. Ist eine Entzündung ursächlich für die Thrombose wird zusätzlich mit Antibiotika behandelt. Parallel dazu werden Grunderkrankung und auftretende Komplikationen behandelt. 

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Ist der Patient stabil, wird die Behandlung auf Tabletten umgestellt ("orale Antikoagulation"). Diese dauert noch einmal etwa drei bis zwölf Monate, in schweren Fällen ist die Einnahme der Gerinnungshemmer dauerhaft notwendig. Auch die Reduktion von Risikofaktoren ist langfristig gesehen wichtig – dazu  gehört unter anderem das Absetzen der Pille und das weitere Behandeln einer möglicherweise vorliegenden Grunderkrankung.

Quellen: PEI /DGA / Science Media Center

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