Gesundheit

Harald Lesch macht den Corona-Faktencheck – und richtet Appell an Zuschauer

Das neuartige Coronavirus verändert das Leben in Deutschland und auf der Welt grundlegend. Neben Virologen und Infektiologen hat sich inzwischen auch eine weitere Koryphäe der deutschen Wissenschaft in die Diskussion eingeschaltet: Terra-X-Legende Harald Lesch.

Nachdem er bereits zwei Folgen von „Leschs Kosmos“ dem Virus gewidmet hat, gab es am Dienstagabend eine Sonderausabe: „Leschs Kosmos: Corona – Was sagt die Wissenschaft?“. Dazu lud Lesch die Virologen Ulrike Protzer von der Technischen Universität München und Jan Felix Drexler von der Berliner Charité in seine Sendung ein und machte mit ihnen den Faktencheck.

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Warum ist Sars-CoV-2 aggressiver als Sars?

Unter anderem klärte er mit den Experten die Frage, warum das neue Virus so viel aggressiver ist als das Sars-Coronavirus, das im Jahr 2003 die Welt erschütterte. Die Ansteckungswege beispielsweise seien bei beiden Viren ähnlich: durch Tröpfchen- oder Schmierinfektion. Beide Coronaviren nehmen den Weg in die Lunge, um sich in den Lungenzellen zu vervielfältigen. Dazu nutzen sie die sogenannten ACE2-Rezeptoren, die in Lungenzellen in besonders hoher Anzahl vorhanden sind.

Das neuartige Coronavirus vermehrt sich im Gegensatz zum alten allerdings bereits im Nasen-Rachen-Raum, obwohl dort weniger dieser Rezeptoren vorhanden sind. Wissenschaftler gehen daher davon aus, dass es diese also besser nutzen kann. Das bedeutet: Die Übertragungswege des neuartigen Coronavirus sind kürzer und somit effektiver – und das könne der Schlüssel zu seinem Erfolg sein.

Die Corona-Pandemie schränkt den Alltag der Menschen in Deutschland ein. Vor allem für gefährdete Gruppen wie Senioren sind auch alltägliche Aufgaben mit einem Ansteckungsrisiko verbunden. Daher ist nun Solidarität gefragt! FOCUS Online hat deshalb die Aktion „#CoronaCare: Deutschland hilft sich“ gestartet. Machen Sie mit! Alle Informationen finden Sie hier.

Coronaviren sind nicht neu – dennoch stehen wir dem neuen Virus "jungfräulich" gegenüber

„Wir stehen dem Virus jungfräulich gegenüber“, erklärt Harald Lesch. Und das, obwohl Coronaviren nicht unbekannt sind. Auf die Frage nach einer möglichen Grundimmunität gegen sie erklärt Jan Felix Drexler von der Berliner Charité: „Gegen diese immer wieder vorkommenden Coronaviren ist das sicher so.“ Aber man könne nicht davon ausgehen, dass uns das eine Immunität gegen die neuen Coronaviren verleiht – dafür sei Sars-CoV-2 „einfach zu anders“.

Einen großen Vorteil habe die Bekanntheit von Coronaviren jedoch: „Viele der Medikamente, die wir jetzt diskutieren, sind schon damals zumindest in Zellkultur angeschaut worden“, erklärt Drexler. „Die Grundprinzipien sind damals schon etabliert worden.“ An der Charité untersuche man schon jahrzehntelang Coronaviren aus Fledermäusen und konnte dadurch bereits ihr Erbgut entschlüsseln: „So konnten wir deutlich schneller Testverfahren entwickeln, die auch für das neue Coronavirus funktionieren. Der Test hier wurde gemacht, bevor man das Virus überhaupt kannten.“

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  • Wir brauchen Impfstoffe, um Herdenimmunität zu erreichen

    In der Sondersendung gehen die Experten auch auf die Erforschung von Impfstoffen ein. Virologin Ulrike Protzer erklärt, dass man die meisten Hoffnungen darauf setze, Eiweiße vom Virus zu isolieren, um sie dann in Bäckerhefen oder Colibakterien herzustellen und als Impfstoff einsetzen zu können. Denn als Lebendimpfstoff sei das neuartige Coronvirus „viel zu gefährlich“ und daher eher unmöglich, umzusetzen. Ähnlich sehe es für die Möglichkeit als Totimpfstoff aus: „Das ist momentan nur im Sicherheitslabor möglich. Dafür reicht uns die Menge gar nicht aus“, erklärt sie.

    Damit wir die Pandemie überstehen können, sei die Entwicklung eines Impfstoffs aber sehr wichtig. „Am Ende werden 60 bis 70 Prozent der Deutschen infiziert sein“, sagt Lesch, „Und das ist keine Horrormeldung.“ Denn infiziert bedeutet auch geimpft. Um dem Virus Herr zu werden, müssten sich in Deutschland bis zu 60 Millionen Menschen infizieren – so lautet die bekannte Prognose von Experten.

    Entscheidend ist die sogenannten Basisreprodutkionszahl. Diese zeigt an, wie viele Menschen von einem einzigen Infizierten angesteckt werden. Bei Sars-CoV-2 geht man von drei aus. Um diese auf eins oder sogar niedriger zu reduzieren, dürfen also zwei Infektionen nicht stattfinden. Das heißt: Zwei von drei Menschen in Deutschland müssen immun werden. Das sind 66 Prozent – was den 60 bis 70 Prozent oder bis zu 60 Millionen Menschen entspricht, von denen immer wieder die Rede ist.

    Damit Gesundheitssystem nicht zum Erliegen kommt: Müssen Pandemie hinauszögern

    Damit dies unser Gesundheitssystem nicht zum Erliegen bringt, müsse man die Pandemie daher „so lange wie möglich“ hinauszögern. Diese hohe Zahl beruht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erfahrungen mit anderen infektiösen Krankheiten und Epidemien. Sie weist auf eine Schwelle hin, ab der sich das Virus nicht weiterverbreiten kann, weil die Menschen immun geworden sind. Man spricht dann von Herdenimmunität. Das kann zum einen durch eine Infektion, zum anderen aber auch durch eine Impfung geschehen.

    • Alle Informationen zum Virusausbruch lesen Sie im FOCUS-Online-Newsticker.

    Lesch holt zu Seitenhieb gegen Impfgegner aus

    „Wenn ein Virus besonders übertragbar ist, dann braucht man eine besonders hohe Herdenimmunität“, erklärt Drexler und verweist auf das immer wieder auflodernde Thema der Herdenimmunität gegen Masern, die wir in Deutschland seit Jahren erfolglos aufzubauen versuchen. In diesem Zusammenhang lässt sich Lesch einen kleinen Seitenhieb nicht nehmen und schickt einen „schönen Gruß“ an Impfgegner: „Mich würde ja interessieren, wie das weiter gehen wird. Wenn wir mal einen Impfstoff haben gegen das Coronavirus, ob die sich dann auch nicht impfen lassen oder ob sie dann sagen ‚Um Gottes Willen‘.“

    Wer sich vor dem Coronavirus, aber auch anderen Infektionen der Atemwege schützen will, sollte allgemeine Hygieneregeln einhalten. Diese sind bei allen Atemwegsinfekten gleich.

    • Häufig Händewaschen mit Wasser und Seife. Antimikrobielle Zusätze sind in der Regel nicht notwendig. Auch die Temperatur des Wassers spielt keine Rolle.
    • Mindestens 20 Sekunden Händewaschen.
    • Nach dem Waschen die Hände gründlich abtrocknen.
    • Abstand halten zu Menschen, die niesen oder husten und selbst Einwegtaschentücher benutzen. Nach dem Husten, Niesen und Naseputzen sollte man sich zudem möglichst umgehend die Hände waschen.

    Sommer wird Virus schaden – es aber nicht aufhalten

    Die Erreichung der Herdenimmunität sei zwar ein wichtiger erster Schritt, Drexler erklärt aber auch: „Wir sollten nicht davon ausgehen, dass wir uns nach ein paar Jahren nicht wieder infizieren könnten.“ Klar sei hingegen, dass wir uns in der jetzigen Pandemie nicht zwei Mal infizieren können.

    Man wisse auch, so Drexler, dass das Virus nicht sonderlich umweltstabil ist: „UV-Strahlung und Hitze werden diesen Viren schaden“, erklärt er, gibt jedoch keine Entwarnung für den Sommer: „Wir werden aber so viele Fälle haben, dass es trotzdem Ansteckungen geben wird“, fährt er fort und schließt: „Es wird also leider nicht ganz weggehen.“  

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    „Das sollten wir nie wieder vergessen“: Lesch richtet emotionalen Appell an Zuschauer

    Harald Lesch selbst wendet sich am Ende der Sendung mit einem eindringlichen Appell an seine Zuschauer:

    „Wissenschaft und Forschung waren uns noch nie so nah. Ich bin so froh, dass wir den Quacksalbern, Maulhelden und anderen Wissenschaftsverächtern jetzt die kalte Schulter zeigen, sie ignorieren. Wir spüren, dass wir in dieser Krise, die ohne Vergleich ist, denen vertrauen können, die Ahnung haben, die wissen, wovon sie reden. Wir spüren, dass diese Personen systemrelevant sind. Wissenschaft und Forschung sind symstemrelevant. Von nun an muss die Wissenschaft zur Daseinsvorsorge gehören. Im Ernstfall, da zählt nicht der unmittelbare Erfolg. Da zählen Geduld, Sorgfalt und Qualität. Und Respekt vor einer Natur, die viel älter ist als wir, ohne die wir aber nicht leben können. Das sollten wir nie wieder vergessen.“

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