Gesundheit

"Für die Sterbenden ist es, als würden sie ertrinken": Ärzte schildern bedrückende Zustände in Mailänder Klinik

Rund 25.000 Fälle, knapp 2000 Tote: Italien ist nach China das Land, das am stärksten von der Coronavirus-Pandemie betroffen ist. Ärzte und Krankenschwester arbeiten längst weit über ihrer Belastungsgrenze – und können doch nicht allen helfen. 

So wie Francesca Cortellaro. Die Ärztin leitet die Notaufnahme des Krankenhauses San Carlo Borromeo in Mailand. Derzeit erlebt sie schreckliche Szenen: Weil die Kliniken vor allem im Norden ihre Kapazitätsgrenzen längst überschritten haben, können sie und ihre Kollegen vielen Infizierten nicht mehr helfen. Dutzende sterben, die meisten von ihnen ältere Menschen. Manche können sich nicht einmal mehr persönlich von ihren Angehörigen verabschieden. 

In einem Interview mit der italienischen Zeitung „Il Giornale“ beschreiben Cortellaro und ihre Kollegen, welche Dramen sich teilweise abspielen.

„Sie flehen dich an, ihre Kinder und Enkel zu grüßen“

„Wissen Sie, was das schlimmste Gefühl ist?“, berichtet Cortellaro. „Zu sehen, wie die Patienten sterben, ganz alleine. Man hört ihnen zu, während sie dich anflehen, ihre Kinder und Enkel zu grüßen.“ Momente wie diese erleben Cortellaro und ihre Kollegen täglich. Mehrfach.

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„Die Covid-19-Patienten kommen allein hier rein. Kein Verwandter kann sie begleiten.“ Sie spürten instinktiv, wann sie gehen müssten, schildert die Ärztin. „Sie sind bei klarem Verstand, keiner ist betäubt.“ 

Für die Sterbenden sei es, „als würden sie ertrinken – aber mit viel Zeit, sich darüber im Klaren zu sein.“

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Ein Fall in ihrem Krankenhaus hat die Ärztin besonders berührt: „Da war diese Großmutter. Sie wollte ihre Enkelin sehen. Ich holte mein Telefon heraus und machte einen Videoanruf mit der Enkelin. Die beiden verabschiedeten sich. Wenig später ist die Frau gestorben.“

Sie habe inzwischen eine lange Liste mit Videoanruf-Wünschen, so Cortellaro. „Ich nenne es eine Abschiedsliste.“ Die Ärztin wünscht sich iPads: „Drei oder vier würden ausreichen, damit die Patienten nicht allein sterben müssen.“

Kampf um weitere Betten

Cortellaros Kollege Stefano Muttini, Chef der Wiederbelebungsabteilung, beschreibt das Ganze so: „Ich habe den Eindruck, dass ich in einen Tsunami geraten bin, den ich niemals aufhalten kann – egal wie heftig ich kämpfe.“

Das größte Problem sei es, neue Orte für Betten zu finden. Seine Station habe acht Betten gehabt. Er habe es irgendwie geschafft, sieben hinzuzufügen, danach nochmal acht und schließlich 16. Am Ende seien es 31 Betten gewesen. „Am Sonntagmorgen (gemeint ist der 8. März, Anm. d. Red.) war ich glücklich, weil ich sechs weitere Betten gefunden hatte, aber am Mittag waren sie schon alle besetzt. Einen Moment lang habe ich mich niedergerungen gefühlt.“

Das Finden und Inbetriebnehmen neuer Räumlichkeiten ist für alle ein Problem: Stefano Carugo, Leiter der Herz-Lungen-Station, hat das Glück, bald mehr Platz zur Verfügung zu haben. Mit Blick auf staubbedeckte Räume, in denen Arbeiter an Kabeln ziehen und Elektro-Anschlüsse verlegen, erzählt er der Zeitung: „Das hier werden zwölf weitere Plätze für Herzpatienten, die eine Intensivbehandlung brauchen. Die Räume werden in zwei Tagen voll funktionsfähig sein. Normalerweise hätten wir hierfür Monate gebraucht, stattdessen haben wir es in fünf Tagen geschafft.“ Es bleibt ihnen keine andere Wahl.

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„Das ist kein Film. Die Katastrophe ist längst da“

Die Schilderungen und Bilder aus dem Mailänder Krankenhaus muten teilweise apokalyptisch an – doch sie sind bittere Realität, wie es in dem Bericht von „Il Giornale“ heißt: „Wenn man sich die Geschichten von Francesca Cortellaro und ihren Kollegen anhört, dann stellt man fest: Das ist kein Film. Die Katastrophe ist längst da. All diese verhüllten Gesichter, diese behandschuhten Hände kämpfen verzweifelt darum, aus der Katastrophe rauszukommen.“

Die Situation ist vor allem in den Kliniken im Norden Italiens dramatisch. Seit mehreren Tagen wenden sich immer mehr Ärzte und Krankenschwester an die Öffentlichkeit, um auf die Gefährlichkeit des Virus aufmerksam zu machen und die Menschen aufzufordern, ihre Häuser nicht mehr zu verlassen.

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Indes warnte auch Premierminister Giuseppe Conte seine Landsleute davor, die Situation nicht ernstzunehmen. In einem Interview mit der Zeitung „Corriere della Sera“ appellierte er an die Vernunft der Italiener: „Die Wissenschaftler sagen uns, dass wir den Höhepunkt noch nicht erreicht haben, dass dies die riskantesten Wochen sind und wir die größte Vorsicht walten lassen müssen“. Es sei wichtig, alle von der Regierung erlassenen Verbote und Regeln einzuhalten. Alle Menschen sollten zuhause bleiben. Individuell Sport zu treiben, sei erlaubt, „aber alle zusammen Joggen gehen, das ist verboten“.

Quellen: „Il Giornale“, „Corriere della Sera“, John Hopkins Universität

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