Gesundheit

Braucht es die neuen Maßnahmen oder wie immun ist Deutschland?

Der Bundestag stimmt nun über den Corona-Schutz für Herbst und Winter ab. Ab Oktober werden wieder mehr Maßnahmen gelten. Doch wie notwendig sind diese? Darüber diskutieren Viele. Denn sind inzwischen nicht genug Menschen immun? Ein Überblick zur Immunität in Deutschland.

Jetzt ist es fast final, wie die kommende Corona-Zeit aussehen soll. Maßnahmen für den Schutz werden gerade im Bundestag beschlossen. Am 16. September geht es noch durch den Bundesrat.

Schon im Vorfeld und nun noch mehr diskutieren die Menschen über Sinn und Unsinn der Regelungen. Die Meinungen darüber gehen – auch in Expertenkreisen – auseinander. Ein zentraler Punkt hierbei ist der Immunstatus. Landesweit betrachtet bildet er ab, wie gut die Menschen hierzulande gegen das Coronavirus geschützt sind. Entweder durch Infektion oder durch Impfung haben viele eine Immunität gegen Sars-CoV-2 aufgebaut.

Um es gleich vorab zu sagen: Wie immun Deutschland tatsächlich ist, lässt sich nicht als großes Bild darstellen. Denn es fehlen die Daten hierzu. Ein Missstand, den etwa Medizinstatistiker Gerd Antes in Gesprächen mit FOCUS online seit Beginn der Pandemie bemängelt. Wenig hat sich allerdings seitdem geändert. Andere Länder wie Großbritannien sind hier weitaus besser aufgestellt. Mit der Studie „Immunebridge“ soll daher der Immunstatus in Deutschland erfasst werden. Die Ergebnisse kommen allerdings zu spät für das neue Infektionsschutzgesetz. Die Entscheidungen hierzu fallen also völlig unabhängig davon.

Doch es lassen sich durchaus einige Facetten des Immunstatus in Deutschland beleuchten. Bemerkenswert an der Immunitätslage ist außerdem: Einerseits zeigt sich in Untersuchungen und Experteneinschätzungen eine hohe Grundimmunität. Andererseits jedoch sind die Anteile derjenigen, die selbst schätzen, bisher nicht infiziert gewesen zu sein, sehr hoch: 55 bis 60 Prozent (Cosmo-Umfrage). Zu berücksichtigen ist dabei selbstverständlich, dass die jeweiligen Stichproben sicherlich Verzerrungen mit sich bringen.

95 Prozent haben Antikörper gegen das S-Antigen

Längst überfällig ist ein Überblick darüber, wie viele Menschen in Deutschland Antikörper gegen das Coronavirus entwickelt haben. Das mahnte Mediziner Antes regelmäßig an. Diesen soll nun das Forschungsvorhaben des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn (UKB) und der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) liefern. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert die „Immunebridge“-Studie.

„Zwar sind nach offiziellen Zahlen 33 Millionen Menschen in Deutschland von Covid-19 genesen, jedoch gibt es ein erhebliches Maß an Untererfassung, die je nach Phase der Pandemie, auf das 1,5 bis 4-fache der erfassten Fälle geschätzt wird“, sagt Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie am UKB. Für die Bewertung der pandemischen Gefahrenlage im nächsten Winter sei eine Abschätzung der Zahl der grundimmunisierten Personen nach Impfung beziehungsweise Infektion von großer Bedeutung. „Im Rahmen des Netzwerks Universitätsmedizin („NUM“) wollen wir mit dem Projekt Immunebridge diese Wissenslücke kurzfristig schließen“, sagte Streeck im Juni.

Kurzfristig in der Wissenschaft geht in diesem Fall jedoch nicht mit der Kurzfristigkeit der politischen Entscheidungen zusammen. Denn die Zwischenergebnisse vom 8. August 2022 bezeichnen die Studienautoren als sehr vorläufig. Auf Twitter verwehrte sich Streeck auch gegen Vorwürfe, es würden Daten zurückgehalten. Sie befänden sich in der Analyse.

Ein Fazit, das der Mediziner Matthias Schrappe auf Nachfrage von FOCUS Online dazu zieht: „Die Studie ergibt, dass mehr als 95 Prozent der untersuchten Personen bereits Kontakt zu Sars-CoV-2 und/oder Impfstoff hatten. Die Personenzahl ist groß genug, als man das als repräsentative Stichprobe ansehen kann.“

Die Studie analysiert unter anderem, wie viele Menschen Antikörper gegen das S-Antigen (bei Impfung) und Antikörper gegen das N-Antigen (bei Infektion) gebildet haben. IMMUNEBRIDGE-Projekt Vier Kategorien zeigen abgestufte Schutzniveaus vor erneuter Infektion und schwerem Verlauf nach Altersgruppen: Anteil der Anzahl der Expositionen durch Infektion oder Impfung mit entsprechender humoraler Immunantwort

Wichtige Zwischenergebnisse sind:

  • Bei den Studienteilnehmer*innen weisen mehr als 95 Prozent Antikörper gegen das S-Antigen auf (IgG).
  • Antikörper gegen das N-Antigen (IgG) waren bei 43 Prozent vorhanden, wobei der Anteil bei Personen über 65 Jahre und bei Personen mit Vorerkrankungen geringer war.
  • Sowohl die gemeldeten Infektionen als auch der Anteil der Antikörper gegen das N-Antigen zeigen, dass ältere Menschen (älter als 65 Jahre) und Personen mit Vorerkrankungen seltener Sars-CoV-2-Infektionen gehabt haben.

Mehr dazu lesen Sie im Zwischenbericht.

Antikörper stehen nicht automatisch für Immunität

Wie gut jemand vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 oder einem schweren Covid-19-Verlauf geschützt ist, hängt von vielen Faktoren ab. Die Antikörper sind einer davon. Sie bieten einen gewissen Schutz. Wie hoch der Spiegel davon im Blut (sogenannter Titer) sein muss, dazu gibt es nach wie vor keine fixen Zahlen – wenn auch hohe Werte hier für guten Immunschutz sprechen. Gleichzeitig sinken die Antikörpertiter nach einigen Monaten – nach einer Infektion ähnlich wie nach der Impfung.

  • Lesen Sie auch:  Schützen auch vor Omikron: Corona-Antikörper halten länger als angenommen

Doch der Körper reagiert auf vielen Ebenen auf das Coronavirus. Die sogenannte zelluläre Immunantwort bleibt länger, ist allerdings auch schwerer zu messen.

Insofern kann allein eine Studie zum Antikörper-Status in Deutschland zwar eine wichtige Facette liefern, aber keine umfassende Antwort zum Schutzstatus geben.

Cosmo-Umfrage: 20 Prozent haben keinen vollständigen Schutz

Ein weiteres Puzzleteil zum Bild des Immunstatus liefert die aktuelle Cosmo-Befragung. Hier erfassten Cornelia Betsch (Covid-19 Snapshot Monitoring) und ihr Team, wie häufig die Befragten bereits erkrankt und geimpft waren. Jede Impfung und jede Erkrankung zählt in der Auswertung als eine „Immunisierung“.

Es zeigte sich nach dieser Berechnung, dass

  • 20 Prozent keinen vollständigen Schutz haben, also weniger als dreimal immunisiert wurden.
  • 6 Prozent waren null mal immunisiert,
  • 14 Prozent ein oder zweimal.
  • 40 Prozent waren dreimal und 33 Prozent viermal immunisiert.

Viele Personen haben eine hybride Immunisierung, also eine Kombination aus Impfung und Infektion.

Die Cosmo-Studie hat außerdem gefragt, wie viele Menschen sich mit Corona infiziert haben:

  • 59 Prozent haben sich (nach eigenen Angaben) bisher nicht infiziert,
  • 34 Prozent einmal,
  • 7 Prozent mehr als einmal.

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland, mehr als 50 Prozent, hat sich bisher anscheinend nicht infiziert oder es zumindest nicht wahrgenommen. „Die Ursachen sind sicherlich vielfältig, und es wäre sicher interessant dem genau nachzugehen“, schreibt Physikerin Viola Priesemann auf Twitter. Gründe könnten asymptomatische Infektionen, effektiver Schutz oder Kreuzimmunitäten sein.

Die Expertin betont gleichzeitig eine wesentliche Einschränkung: Alle diese Zahlen seien natürlich mit aller Vorsicht zu genießen, da sie alle auf Selbstauskunft beruhen.

Selbstauskünfte auf Twitter zur Infektion

Auf Twitter haben Fachleute ebenfalls Fragen zur Infektionslage gestellt. Die Physikerin Priesemann etwa fasste die Ergebnisse zusammen, die zur Cosmo-Umfrage passen:

Auch Bioinformatiker Cornelius Römer und Modellierer Dirk Paessler liefern ähnliche Werte.

Spotlight NRW: Knapp ein Drittel hat Omikron-Immunität

Exemplarisch liefert Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland eine weitere Facette für das Immunitätsbild: Bereits fast jeder dritte NRW-Einwohner hat laut einer Kassenärzte-Analyse in diesem Jahr eine Corona-Infektion durchgemacht und so eine gewisse Immunität gegen die Omikron-Variante aufgebaut. „In Nordrhein-Westfalen gab es seit Beginn der Pandemie rund 6,6 Millionen gemeldete laborbestätigte Corona-Fälle“, sagte Viola Gräfe, die bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein für Datenanalyse zuständig ist. Darunter seien auch Mehrfachinfektionen. Allein 5,2 Millionen aller in NRW bisher registrierten Corona-Fälle entfielen auf das laufende Kalenderjahr.

Anfang des Jahres habe zwar die Delta-Variante noch eine gewisse Rolle gespielt. Der weit überwiegende Teil der Corona-Fälle sei in diesem Jahr aber auf einen der verschiedenen Omikron-Subtypen zurückzuführen, erklärte Gräfe.

Bei 17,9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern in NRW und etwas mehr als fünf Millionen gemeldeten Corona-Fällen allein im laufenden Jahr könne man also sagen, „dass knapp jede Dritte oder jeder Dritte im Laufe dieses Jahr bereits eine Omikron-Infektion hatte und somit eine gewisse Immunität gegen die Omikron-Variante aufgebaut hat.“

Hinzu komme noch, dass ein Großteil der Bevölkerung durch eine Corona-Impfung grundimmunisiert oder auch geboostert sei, ergänzte die Datenanalystin der KV Nordrhein. Die zu erwartende Herbst-Welle werde nicht auf eine Bevölkerung treffen, die zum überwiegenden Teil noch keinen Kontakt zum neuartigen Coronavirus hatte, erklärte sie.

Spätestens kommenden Montag würden die neuen an die Omikron-Variante BA.1 angepassten Impfstoffe der Hersteller Biontech/Pfizer und Moderna in jenen Arztpraxen eintreffen, die diese bestellt haben, erklärte der Chef der KV Nordrhein, Frank Bergmann.

Immunität in Deutschland bei 95 Prozent

Das fügt sich zur Einschätzung des Immunologen Carsten Watzl. Der Experte geht angesichts der zahlreichen Omikron-Infektionen von einer sehr hohen Grundimmunität in der Bevölkerung aus. „Nicht nur durch die Impfungen, sondern auch durch die vielen erfolgten Omikron-Infektionen ist die Immunität in der erwachsenen Bevölkerung inzwischen deutlich gestiegen“, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie vor einiger Zeit der „ Augsburger Allgemeinen “. „Man kann davon ausgehen, dass sie bereits bei 95 Prozent liegt und die Ausgangslage diesen Herbst damit besser ist.“

Experte: Maßnahmen braucht es trotz Immunität

Selbst bei guter Grundimmunität könne allerdings nicht auf weitere Impfungen und Hygienemaßnahmen verzichtet werden, betonte der Dortmunder Professor. „Es geht immer auch darum, zu viele Krankheitsausfälle zu vermeiden, die in wichtigen Bereichen Probleme bereiten, und auch das Risiko zu vermindern, dass sich vulnerable Gruppen infizieren“, sagte Watzl.

„Mit der Kampagne für die dritte Impfung als Booster haben wir uns erfolgreich aus der Delta-Welle herausgeimpft“, erklärte der Immunologe. „Das könnte man mit angepassten Impfstoffen wahrscheinlich auch gegen Omikron schaffen.“ Möglicherweise reichten aber auch übliche Hygienemaßnahmen aus. 

Die neuentwickelten Omikron-Impfstoffe seien jedoch als Booster den jetzigen Impfstoffen überlegen. „Der jetzige Impfstoff wirkt wie eine Auffrischung und stellt mit der vierten Impfung den Schutz wieder her, den man kurz nach der dritten Impfung hatte“, sagte Watzl. „Erste Studiendaten zeigen aber, dass die Omikron-Impfstoffe tatsächlich wie ein Booster als Verstärker wirken: Man hat eine deutlich bessere Immunantwort gegen Omikron, als man es nach der dritten Impfung erreicht hat.“

Und letztlich bleibt ein großer Überraschungsfaktor für die kalte Jahreszeit erhalten: Wie sich das Coronavirus weiter entwickeln wird, ist kaum vorherzusagen.

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