Gesundheit

Astrazeneca bei Älteren besonders wirksam: Studien werfen neues Licht auf Briten-Impfstoff

Der Corona-Impfstoff von Astrazenca ist in Deutschland nicht für über 65-Jährige zugelassen. In neuen Studien hat er aber gerade bei Älteren besonders gut gewirkt. Die Daten stellen die ablehnende Haltung vieler in Frage – und könnten sogar eine Änderung der Stiko-Empfehlung bewirken.

Angst vor starken Nebenwirkungen, Kritik an einer geringen Wirksamkeit: Das Vakzin vom schwedischen Hersteller Astrazeneca wird von vielen als Impfstoff zweiter Klasse behandelt. Er gilt als Ladenhüter, Menschen erscheinen teils nicht zu ihren Impfterminen, in den Impfzentren bleiben zahlreiche Dosen übrig.

Das Astrazeneca-Vakzin ist in der EU zugelassen, wird in Deutschland bislang allerdings nur 18- bis 64-Jährigen verabreicht. Für höhere Altersgruppen fehlten der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts bislang belastbare Studiendaten zur Wirksamkeit.

Das könnte sich künftig jedoch ändern: Neue Studien zeigen, dass das Mittel insbesondere bei älteren Menschen gegen Covid-19 sehr gut wirkt. Zudem erweist sich der Impfstoff aktuellen Daten nach bereits nach der ersten Dosis als besonders wirksam. Die Daten aus Großbritannien könnten den Impfstoff nun in ein anderes Licht rücken – und mit dem schlechten Ruf aufräumen, den der Impfstoff aus Sicht vieler Experten unbegründeterweise bei vielen hat.

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FOCUS Online/Wochit Wieler wettert gegen Kritik am Astrazeneca-Impfstoff: „Skandalisierende Bezeichnung“

Realdaten aus Großbritannien: Astrazeneca-Impfstoff wirkt bei Älteren besonders gut

Um die tatsächliche Wirksamkeit des Vakzins zu untersuchen, erhob das schottische Gesundheitsministerium Realdaten. Sie werteten über den Zeitraum vom 8. Dezember bis 15. Februar die Impfungen und deren Folgen bei 1,14 Millionen Menschen aus. Dabei stellten sie fest, dass der Impfstoff insbesondere in den hohen Altersgruppen sehr wirksam war. Der vom Hersteller Astrazeneca und der Uni Oxford entwickelte Impfstoff reduzierte die Rate der Hospitalisierungen um 95 Prozent. Für das Biontech-Vakzin ermittelten sie lediglich eine Reduktionsrate von 85 Prozent.

Bisherige Daten aus den Impfstudien des britisch-schwedischen-Herstellers gaben eine Wirksamkeit von durchschnittlich 70 Prozent an. Diese Daten stammten zum einen aus einer einer kombinierten Phase-II/III-Studie, bei der die Versuchspersonen der Impfgruppe zuerst eine halbe Dosis des Impfstoffs und einen Monat später eine weitere volle Dosis erhielten. Die Effektivität lag den Angaben zufolge hier bei 90 Prozent.

Zum anderen wurden Ergebnisse einer Phase-III-Studie berücksichtigt, bei der Probanden der Impfstoff Gruppe zwei volle Dosen bekamen. Die bisher errechnete Effektivität lag dabei bei 62 Prozent. Zusammengenommen ergibt sich den Angaben zufolge eine Wirksamkeit von 70 Prozent. Die Zwischenauswertung stammt aus dem November und basiert auf insgesamt 131 Infektionsfällen mit nachweislichem Covid-19.

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  • Erste Dosis Astrazeneca soll zu 90 Prozent vor schweren Verläufen schützen

    Neben dem schottischen wertete auch das britische Gesundheitsministerium jetzt erste Realdaten aus der Altersgruppe der über 65-Jährigen aus. Die Studie ist bislang noch nicht veröffentlicht, die Ergebnisse gab das Ministerium aber bereits an Politiker weiter. Nach Berichten britischer Medien verdeutlichen diese Daten, dass sich der Astrazeneca-Impfstoff auch in dieser Gruppe sehr effektiv zeigt. Bereits nach einer Dosis ist das Risiko, einen schweren Verlauf zu erleiden demnach um 90 Prozent geringer.

    Zum Vergleich: Die Zahl der Hospitalisierungen bei Biontech-Impfungen gingen laut aktueller Daten aus Israel zwei bis drei Wochen nach der Impfung um 74 Prozent zurück, die der schweren Verläufe um 62 Prozent. Das geht aus einer Studie im „New England Journal of Medicine“ hervor. Israel hatte am 19. Dezember 2020 mit der Impfung seiner Bevölkerung gegen Corona begonnen. Bis 28. Februar 2021 erhielten laut „Science and technology in Israel“ 4.717.114 Menschen zumindest eine Impfdosis. Das entspricht etwa der Hälfte der israelischen Bevölkerung.

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    Astrazeneca-Impfstoff: Stiko will Empfehlung ändern

    Aufgrund der fehlenden Daten war der Impfstoff in Deutschland vorerst nur für Menschen zwischen 18 und 64 Jahren empfohlen worden. Die Stiko will nun aber ihre Empfehlung überdenken. Es werde „sehr bald zu einer neuen, aktualisierten Empfehlung kommen“, sagte der Chef der Kommission, Thomas Mertens, am Freitagabend im „heute journal“.

    Die bisherige Empfehlung hatte bei vielen Menschen für Vorbehalte gesorgt. „Das Ganze ist irgendwie schlecht gelaufen“, räumte Mertens ein. Er rechtfertigte aber die Stiko-Entscheidung mit einer dünnen Datenlage. „Wir hatten die Daten, die wir hatten und haben auf der Basis dieser Daten die Empfehlung gegeben. Aber wir haben nie den Impfstoff kritisiert. Wir haben nur kritisiert, dass die Datenlage für die Altersgruppe über 65 nicht gut oder nicht ausreichend war.“

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    Ansonsten sei der Impfstoff „sehr gut“ und er werde „jetzt durch hinzukommende neue Daten noch besser in der Einschätzung“, betonte Mertens. Der Stiko-Chef schloss zudem nicht aus, die Abstände zwischen den zwei notwendigen Corona-Impfungen zu verlängern: „Ich halte das für möglich, gerade bei dem Astrazeneca-Impfstoff, dass man sich da noch für etwas längere Intervalle entscheiden kann.“

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    Länderchefs sprechen sich für Freigabe von Astrazeneca aus

    Einige Länder-Chefs sprachen sich im Zuge der Debatte und angesichts der großen Skepsis in der Bevölkerung gegenüber dem Astrazeneca-Vakzin derweil für eine Freigabe des Astrazeneca-Impfstoffs für alle Impfwilligen in Deutschland ausgesprochen. Man könne es sich nicht leisten, „dass Impfstoff herumsteht und nicht verimpft wird, weil Teile der Berechtigten ihn ablehnen“, sagte etwa Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann der "Welt am Sonntag". In diesem Fall „müssen wir dieses strenge Regiment auflockern und Menschen impfen, die nach der Priorisierung noch nicht an der Reihe wären“.

    Gleiches gilt für Bayerns Regierungschef Markus Söder (CSU): „Bevor er liegen bleibt, impfen, wer will“, sagte Söder der "Bild am Sonntag". Es dürfe keine Dosis übrig bleiben oder weggeworfen werden. „Wir müssen beim Impfen Tempo machen“, mahnte Söder. Jeder Tag zähle. „Es kann nicht sein, dass einerseits zu wenig Impfstoff vorhanden ist, aber andererseits AstraZeneca in hohen Zahlen nicht verimpft wird.“

    Und auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) unterstützte die Forderungen. „Ich habe viel Sympathie für die Idee, den ungenutzten Impfstoff von AstraZenena allen Bürgern zur Verfügung zu stellen“, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Man muss aber auch klären, wie das konkret gehen soll.“

    SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte zudem, den AstraZeneca-Impfstoff sofort für alle unter 65-Jährigen in den ersten drei Prioritätsgruppen der Impfverordnung zur Verfügung zu stellen. Außerdem solle das Präparat auch bei über 65-jährigen „sofort eingesetzt werden dürfen“, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

    Kritische Töne kamen hingegen von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU): „Die Priorisierungsreihenfolge aufheben, ist der falsche Weg“, sagte er am Sonntagabend in der ARD-Tagesschau.

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