Gesundheit

Arzneimittelrückstände in der Umwelt: Das Stockholmer Konzept

Eine sogenannte „Weise Liste“ empfiehlt Ärzt:innen in Stockholm Medikamente zur Behandlung von häufigen Krankheiten. In die Bewertung fließen seit 16 Jahren auch Umweltaspekte mit ein. Ziel der Stockholmer Gesundheitsversorgung ist es, damit die Umweltauswirkungen von Arzneimitteln zu verringern. Da sich die Ärzt:innen zu rund 90 Prozent an die Anweisungen halten, ist die Wirkung positiv.

Die nach Schweden ausgewanderte deutsche Apothekerin Roswita Abelin arbeitet in der Health Care Administration, also im Gesundheitswesen des Kreises Stockholm. Mit ihrer Kollegin Helena Ramström berichtete sie im Rahmen des Symposiums „Verminderung von Arzneimittelrückständen im Abwasser“ der Firma Able Dresden am 16. April über das Stockholmer Konzept. „Arzneimittel können in konventionellen Kläranlagen nicht vollständig abgebaut werden“, erklärt die Fachfrau. Nur rund ein Viertel der Arzneistoffe könne vollständig in Kläranlagen eliminiert werden, 25 Prozent nur teilweise, weitere 25 Prozent werden gar nicht erst erfasst. 25 Prozent der Arzneimittel nähmen sogar an Schädlichkeit zu, da sie im Abwasser durch verschiedene Einflüsse wieder in ihren ursprünglichen aktiven Zustand umgewandelt werden und damit als Wirkstoff zu 100 Prozent in Natur landeten.

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Ein altbekanntes Beispiel sei Diclofenac, laut Referentin „ein richtiges Problemarzneimittel“, das sich in Tieren anreichert und zum Beispiel in den 90er Jahren zum Massensterben von Geiern in Indien und Pakistan führte. Dies werde nämlich nur zu elf Prozent in Kläranlagen abgebaut. 

An 18 Standorten im wasserreichen Schweden seien die zulässigen Grenzwerte von Diclofenac bereits überschritten, bedrohlich erhöhte Werte seien an weiteren 109 Standorten gegeben. In Schweden ist das Medikament inzwischen als Tabletten nicht mehr rezeptfrei erhältlich – allerdings nicht aus Umweltschutzgründen. „Auch bei uns geht nicht immer alles so, wie wir das gerne hätten“, gesteht Abelin. Dann verweist sie darauf, dass das ähnlich einsetzbare Paracetamol zu 90 Prozent und Ibuprofen immerhin noch zu 85 Prozent abgebaut werden. So mache es, laut den beiden Gesundheitsexpertinnen aus Schweden Sinn, schon an der Quelle den Eintrag von Medikamenten zu vermindern. Dies bedeutet, möglichst umweltfreundliche Medikamente zu verschreiben und möglichst wenige (sinnvoll) einzusetzen.

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Im schwedischen Gesetz ist verankert, dass regionale Arzneimittelkommissionen Medikamente zur Behandlung von häufigen Krankheiten empfehlen. In einer „Kloka listan“ erfassen die Kommissionen rund um Stockholm, wo etwa ein Viertel der schwedischen Bevölkerung lebt, jährlich Medikamente nach bestimmten Aspekten. Diese basieren auf Wirksamkeit und Sicherheit, pharmazeutischer Zweckmäßigkeit, Kosteneffizienz – und seit 2005 auch auf Umweltaspekten. 

Die Kriterien

Die Kommission wird bei der Bewertung von Medikamenten dazu aufgerufen, Umweltrisiken und Umweltgefährdungen in ihrer Region Stockholm zu berücksichtigen. Möglichst sollten auch Informationen, wie 

  • Reinigungsgrad in Kläranlagen, 
  • Verbreitung in Gewässern und Fischen, 
  • Risiko von Auswirkungen auf Wasserorganismen und das Risiko der Resistenzentwicklung 

in die Bewertung des Medikamentes einfließen. Weitere Fakten, die berücksichtigt werden müssen, sind die 

  • Umweltauswirkungen in der Herstellungsphase und 
  • umweltfreundliche Verpackungen.

Natürlich hätten medizinische Wirksamkeit und geringe Nebenwirkungen laut Abelin immer Vorrang. Aber stünden verschiedene Medikamente zur Auswahl, dann werden auch die Kosten und die Auswirkungen auf die Umwelt mitberücksichtigt. Die Liste erleichtert den schwedischen Ärzt:innen die Auswahl des unter diesen Gesichtspunkten besten Medikaments. Und die Ärzt:innen würden das Angebot gut annehmen. Bis zu 95 Prozent richteten sie sich nach diesen Empfehlungen. 

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