Persönliche Gesundheit

100.000 Menschen betroffen: Junge Frau schildert, wie sie in Nasenspraysucht geriet

Abschwellende Nasentropfen helfen schnell bei Schnupfen. Dauerhaft im Einsatz machen sie jedoch die Schleimhaut kaputt und abhängig. Wie Silvia Sommer süchtig nach Nasentropfen wurde und wie sie den Ausstieg schaffte.

  • Nasenspray kann die Nasenscheidewand so schädigen wie Kokain.
  • Bei Nasenspray-Abhängigkeit geht der Geruchssinn verloren und das Essen schmeckt wie Pappe.
  • Der Ausstieg aus der Nasenspray-Abhängigkeit dauert zwei bis drei Wochen.

Zuerst hatte sie gar nicht bemerkt, dass sie eigentlich schon süchtig auf die abschwellenden Nasentropfen war. Denn begonnen hat alles, wie bei den meisten Abhängigkeiten, eher schleichend. „Mein Partner beschwerte sich, dass ich nachts immer so laut schnaufe, weil scheinbar meine Nase etwas zu ist“, berichtet Silvia Sommer (Name geändert).

Der Mann riet der jungen Erzieherin zu Nasenspray und sie kaufte sich ein rezeptfreies Produkt mit dem Wirkstoff Xylometazolin. Xylo, wie Nasenspray-Süchtige die Substanz abkürzen, wirkt ähnlich wie Adrenalin: Verengt die Blutgefäße und lässt damit auch die Nasenschleimhäute sofort abschwellen.

In der Apotheke fällt ihr hoher Verbrauch an Nasenspray auf

Jeden Abend benutzte sie das Spray, die Nase war rasch frei. Sie und der Partner schliefen wunderbar. Alle zwei Wochen ging Silvia nun in die Apotheke und kaufte sich wieder ihr Nasenspray. Dann sprach die Apothekerin sie an, ob sie sich vielleicht an das Nasenspray gewohnt hätte und ohne nicht mehr auskomme – vielleicht abhängig sei? „Ich sagte Quatsch, ging von da an einfach in andere Apotheken“, erinnert sich Silvia.

Was sie damals noch nicht wusste: Xylometazolin bewirkt bei Daueranwendung, dass die Blutgefäße in der Nase selbständig nicht mehr ihren normalen Tonus finden. Ohne die Substanz schwellen sie sofort wieder an.

Mindestens 100.000 Menschen sind in Deutschland abhängig von Nasensprays. Das schätzt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen unter Berufung auf Gerd Glaeske, Professor an der Universität Bremen.

Damit sie keine Abhängigkeit entwickeln, sollten Erkältete spätestens nach einer Woche zu anderen Mitteln als abschwellendem Nasenspray zu greifen. In Kindernasenspray sind die Inhaltsstoffe niedriger dosiert. Meerwassernasensprays und andere Salzlösungen haben zwar keine so durchschlagende Wirkung, machen aber nicht süchtig.

Nasenschleimhaut geht kaputt

Insgesamt benutzte sie rund drei Jahre Nasenspray. Bereits nach einigen Monaten bemerkte sie jedoch erste Nebenwirkungen: Die Nase wurde immer trockener, die Nasenschleimhaut riss ein, es bildeten sich Borken und Entzündungen. Häufig hatte sie Nasenbluten.

Geruch und Geschmack bleiben auf der Strecke

Am schlimmsten war jedoch: Sie konnte nicht mehr riechen. Das bedeutete, nicht nur Gerüche nicht mehr wahrzunehmen. Auch der Geschmackssinn war erheblich eingeschränkt.

Die Nasenschleimhaut war bereits so geschädigt, dass die Geruchsrezeptoren teilweise zerstört waren. Letztendlich kann bei Nasenspraysucht übrigens sogar die Nasenscheidewand angegriffen werden – ähnlich wie bei Kokain.

Ohne Nasenspray quält Erstickungsangst

Silvia versuchte, eine Nacht ohne Nasenspray auszukommen – ohne Erfolg. Die Nase war ohne den Wirkstoff wie zubetoniert. Die junge Frau hatte massive Angst, zu ersticken und konnte kein Auge zutun. Also wieder das Nasenspray, um wenigstens schlafen zu können. Ein paar Wochen ging das so, sie versuchte es immer mal wieder ohne Nasenspray, scheiterte aber. Schließlich fragte sie bei ihrer früheren Stammapothekerin, wie man die Nase ohne Xylo frei bekommt.

Zuerst Kindernasenspray, dann Meersalz

Ihr wird zu Kindernasentropfen geraten, die schon mal viel niedriger dosiert sind. Zusätzlich erleichtern Produkte mit Meersalz das Durchatmen und Nasenspray mit Dexpanthenol unterstützt die lädierte Nasenschleimhaut beim Heilen. „Ich habe nach und nach immer weniger davon verwendet und nach etwa drei Wochen brauchte ich die Mittel nicht mehr“, sagt Silvia.

Bei Schnupfen nur Kindernasenspray

Heute macht sie einen weiten Bogen um Nasenspray – wenigstens die Mittel, die für Erwachsene gedacht sind. „Wenn ich Schnupfen habe, benutze ich ein Nasenmittel für Kinder oder noch besser Meersalznasenspray“, berichtet die Erzieherin. Andere Produkte verträgt sie auch gar nicht mehr, sie brennen bei ihr und sie bekommt von ihnen rasch Nasenbluten .

Denn so ganz regeneriert haben sich ihre Nasenschleimhäute bis heute noch nicht – obwohl die Abhängigkeit schon acht Jahre zurückliegt. Was sie als Ex-“Nasensprayjunkie“ anderen Betroffenen rät? „Den langsamen Ausstieg mit Kindernasenspray durchführen und am besten immer nur ein Nasenloch behandeln, dann bleiben die Erstickungsängste beim Entzug aus.“ Mit dem Partner von damals ist Silvia Sommer übrigens nicht mehr zusammen.

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